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ich will dich kennenlernen spanisch

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Martha Verdorfer


Texte zum Kennenlernen
Informationsheft für Jugendliche
Gesellschaft für bedrohte Völker - Südtirol, 1995



oben- ZUR EINLEITUNG

DIESE BROSCHÜRE SOLL NEUGIERIG MACHEN
Neugierig auf ein unbekanntes Volk, das wir zu kosten strom wasser single kennen glauben, über das wir aber im Grunde kaum etwas wissen. Die Zigeuner arbeiten nicht, sie sind schmutzig, sie lügen, betteln und stehlen. Das sind die Bilder, die wir in mann sucht frau zum heiraten berlin unseren Köpfen haben. Aber was wissen wir eigentlich sonst noch? Woher kommen diese Menschen? Warum leben sie so, wie sie leben - und wie leben sie eigentlich? Haben sie immer schon so gelebt wie heute? Fahren sie mit ihren Wohnwagen tatsächlich herum oder wohnen sie nur darin? Welche religiöse Vorstellungen haben sie? Wüßtet ihr auf diese und noch viele ähnliche Fragen eine Antwort? In diesem Heft werden Antworten auf einige dieser Fragen gesucht.

DIESE BROSCHÜRE SOLL ZUM NACHDENKEN ANREGEN
Zum Nachdenken über unser eigenes Leben und all die Dinge, die für uns so selbstverständlich sind. Wenn wir uns die Geschichte, die Lebensweise und die Kultur der ich will dich kennenlernen spanisch Sinti und Roma (so bezeichnen sich die meisten Zigeuner selbst) anschauen, merken wir, daß es auch noch andere Lebensformen gibt als unsere. Der Vergleich der verschiedenen Lebensweisen kann zeigen, daß nicht von vornherein die eine um so vieles besser ist als die andere. Wir können von fremden Dingen lernen. Wir werden auch entdecken, daß es neben den zahlreichen Unterschieden auch Gemeinsamkeiten und Berührungspunkte gibt. Ein Zusammenleben mit Zigeunern ist also kein Ding der Unmöglichkeit.

DIESE BROSCHÜRE SOLL VERSTÄNDNIS WECKEN
Verständnis für ein Volk, das in unserer Gesellschaft ausgegrenzt und diskriminiert wird. Verständnis für ein Volk, das sich selbst vielleicht gar nie besonders bemüht hat, von den anderen verstanden zu werden. Die soziale Lage der Zigeuner ist aber heute in den meisten Ländern sehr schlecht und viele der Probleme, die es innerhalb der Sinti- und Romagruppen gibt, hängen mit dieser elenden Situation und dem Mißtrauen, das wir ihnen entgegenbringen, zusammen. Verständnis für die Zigeuner haben, bedeutet nicht, Mitleid mit ihnen zu haben. Es geht vielmehr darum, sie als Menschen mit einer anderen Kultur und anderen Wertvorstellungen anzuerkennen und sie in ihrem "Anderssein" zu akzeptieren.

DIE LEKTÜRE DIESER BROSCHÜRE SOLL SPASS MACHEN
Die abgedruckten Texte sind kein Lernprogramm, das gelernt und abgeprüft werden soll. Wenn ihr diese Texte lest, sollt ihr gemeinsam darüber nachdenken und diskutieren, eure eigenen Erfahrungen erzählen, euch vielleicht auch in die Situation eines Romamädchens bzw. -jungen in eurem Alter hineindenken. Vielleicht könnt ihr auch jemanden in die Klasse einladen, der Fragen beantworten kann, die nach der Lektüre dieser Broschüre noch offen sind.

DIE BROSCHÜRE BIETET KEIN VOLLSTÄNDIGES BILD DER SINTI UND ROMA
Auch wenn ihr sie bis zur letzten Seite durchgelesen habt, werden noch Fragen offen bleiben. Auch für uns, die wir viele Bücher zu diesem Thema gelesen haben, sind bei weitem nicht alle Dinge ganz klar. Dazu sind die einzelnen Gruppen der Sinti und Roma zu verschieden; sie unterscheiden sich in ihrer Geschichte, ihrer Sprache, ihren Bräuchen und letztlich handelt es sich bei den Zigeunern genauso wie bei uns um einzelne Menschen, die eine individuelle Persönlichkeit und Identität besitzen.

ZUR LAGE DER SINTI UND ROMA
IN GESCHICHTE UND GEGENWART


Mit der Namensgebung lassen Morenka und Vataf sich Zeit. Denn der bürgerliche Name des Kindes sagt wenig. Der ist für die Behörden gut. Der kann so geschrieben werden und so. Den darf getrost auch der Pfarrer aussprechen.
Kein Sinto wird den andern mit diesem Namen anreden.
"Sondern worauf es ankommt", sagt Baba Milina, "das ist der romano lab; der Name, den wir Roma uns geben. Mit dem ein Zigeunerkind wird, was es vom Charakter her ist. Das kann man aber erst sagen, wenn das Kind sich mit dem vertraut zu machen beginnt, was es umgibt. Das hat Zeit. Denn es ist wichtig, daß der wahre Name ihm paßt wie ein maßgeschneidertes Hemd. Diesen Namen gibt es noch nicht; Vater und Mutter werden ihn gemeinsam erfinden. Gut, es gibt auch Sinti, die ihn dem Deutschen entleihen; Karl sagt ja auch etwas aus. Aber wir sollten mit dem Deutschen zurückhaltend sein; aus dem Romani werden schönere Namen gebaut. Lustigere, treffendere dann aber auch. Sie schmecken, wenn man sie spricht. Und sie stimmen vor allem; Kaschkeraka zum Beispiel heißt die Tante Django Woitschachs. Denn sie ist schon als Kind so schwatzhaft wie eine Elster gewesen. Und da Schwatzhaftigkeit zunimmt, wächst Kaschkeraka immer mehr in ihren Elsternamen hinein. So soll es sein." Mutter Morenka hat da Vataf auch schon einen Vorschlag gemacht. Das Kind mag geriebene Mohrrüben gern. Und es schmatzt verzückt, zeigt man ihm eine. Da es nun langsam auch selber die Farbe einer Mohrrübe anzunehmen beginnt, ist Merki als Name vielleicht gar nicht so falsch. Denn Merki heißt Möhre.
aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade, Berlin 1988, S. 86.

oben- ROM HEISST MENSCH. Über Namen und deren Bedeutungen
Wir alle leben mit Namen, die wir uns nicht selbst geben. Wir haben einen Taufnamen, vielleicht einen Kosenamen, einen Übernamen, manchmal werden wir auch mit einem Schimpfnamen bezeichnet. Viele suchen sich auch selbst einen Namen, mit dem sie im eigenen Freundeskreis gerufen werden möchten oder sie legen sich wie viele Sänger und Schauspieler einen Künstlernamen zu.
Auch Völker haben einen oder mehrere Namen, mit denen sie sich mehr oder weniger identifizieren. Das Wort Eskimo bedeutet wörtlich Rohfleischfresser, so wurden die Bewohner der Arktis von ihren indianischen Nachbarn genannt. Sie selbst nennen sich Inuit, was einfach Menschen heißt. Die Berber in Afrika haben ihren Namen vom griechischen Barbar und auch Deutscher war ursprünglich ein Spottname der Nachbarn. Auch für das Volk der Roma gibt es verschiedenen Namen mit unterschiedlichen Bedeutungen und Funktionen.

FREMDBEZEICHNUNGEN
Viele Namen, mit denen die Zigeuner bezeichnet werden, weisen auf die vermutete Herkunft dieses Volkes hin. So werden sie in Frankreich beispielsweise BOHÉMIENS genannt, da sie bei ihrer Ankunft in Frankreich einen Geleitbrief des Kaisers Sigismund, der auch böhmischer König war, vorzeigen konnten. In Spanien heißen sie HÚNGAROS nach ihrer vermeintlichen Herkunft aus Ungarn. Aus sehr vielen Bezeichnungen wird deutlich, daß die Zigeuner lange Zeit irrtümlich als Ägypter galten, die wegen ihres christlichen Glaubens aus dem Land vertrieben worden seien. GITANS, GYPSIES, GITANOS, GITANI, YIFTI, GIFTOS, YEFTOS - alle diese Namen verweisen auf Ägypten.
Oft wird auch die Lebensweise zur Grundlage der Bezeichnung, wie der italienische Ausdruck NOMADI zeigt. Hier wird ein Kennzeichen in den Mittelpunkt gestellt, das häufig nicht mehr der Realität entspricht, weil es inzwischen viele seßhafte Sinti und Roma gibt.

EIGENBEZEICHNUNGEN
RomaROM heißt Mensch bzw. Mann und dient auch als Sammelbegriff für alle Zigeuner. Die im späten Mittelalter nach Deutschland, Österreich und die angrenzenden Regionen (Norditalien, Slowenien, Böhmen, Elsaß, Lothringen) eingewanderten Zigeuner bezeichnen sich selbst als SINTI. Es gibt Vermutungen, nach denen sich dieser Name auf das pakistanische Land Sindh zurückführen läßt.
Die Zigeuner in Süd- und Südosteuropa, und damit die große Mehrheit der europäischen Zigeuner, nennen sich ROMA. Als Roma werden auch jene bezeichnet, die erst in der zweiten Hälfte des 19. und im 20. Jhdt. aus Südost- nach Mitteleuropa gekommen sind.
Die Bezeichnung ZIGEUNER/ZINGARI/TSIGANES/CYGANI ist überall verbreitet und wohl am gebräuchlichsten. Allerdings hat dieser Name in allen Sprachen negative Bedeutungen. Schon die vermutete Herkunft des Namens (vom griechischen "Athinganoi", der Name einer Sekte, der die Ausübung schwarzer Kunst nachgesagt wurde), stellt die Träger des Namens in ein eher negatives Licht. In unserem Sprachgebrauch hat das Wort ganz allgemein eine eher negative Bedeutung (z. B. "herumzigeunern").
Viele Menschen sind deshalb der Meinung, man solle den Begriff "Zigeuner" durch die Bezeichnung Roma, bzw. Sinti und Roma als Sammelbegriffe ersetzen. Es ist allerdings manchmal schwierig, auf den Begriff "Zigeuner" zu verzichten, gerade wenn es um eine Bezeichnung für die verschiedenen Gruppen dieses Volkes geht, denn in manchen Ländern ist die Bezeichnung Rom den Roma unbekannt (z. B. im Iran). In Armenien nennen sich Angehörige dieses Volkes LOM, in Spanien KALO (Plural Kale), in Deutschland und Italien wie erwähnt SINTO (Plural Sinti).
Daneben gibt es noch eine Vielzahl von STAMMESNAMEN, die sich vielfach aus einem bestimmten Gewerbe ableiten. Sie entstanden, weil Zigeuner als Sklaven auf dem Balkan nur innerhalb ihrer Berufsgruppe heiraten durften. So leiten die KALDERASH ihren Namen vom rumänischen Kessel ab - sie waren Kesselschmiede, die TSCHURARI arbeiteten als Messerschleifer ("tschuri" = Roma-Wort für Messer) und der Name LOVARA fußt auf dem ungarischen "lov" für Pferdeführer.
Der Versuch, diese Vielfalt und die sprachlichen, kulturellen und religiösen Unterschiede zwischen den Gruppen dieses Volkes zu respektieren, macht eine allgemeine Bezeichnung schwierig. Letztlich wird es aber wichtiger sein, einen offenen und vorurteilsfreien Umgang mit diesen Menschen zu finden, als sie mit dem "richtigen" Namen zu bezeichnen. In diesem Sinn verwenden wir in dieser Broschüre neben "Sinti und Roma" auch den Begriff "Zigeuner". Wir möchten ihn damit von seinen abwertenden Bedeutungen befreien und versuchen, ihm einen schönen Klang zu geben.

oben- WER IST EINE MINDERHEIT?
Muß man in Südtirol überhaupt erklären, was eine Minderheit ist? Beinahe täglich hören wir diesen Begriff im Radio, im Fernsehen, von Politikern, lesen ihn in der Zeitung. Es scheint klar: Wir Südtiroler sind eine Minderheit. Wer sind aber "wir Südtiroler"?
Die deutschsprachigen Südtiroler begreifen sich - mit Recht - als ethnische Minderheit innerhalb des italienischen Staates. Die italienischsprachigen Südtiroler begreifen sich - ebenso mit Recht - als ethnische Minderheit innerhalb des Landes. Die ladinischsprachigen Südtiroler sind ethnische Minderheit sowohl auf Staats- als auch auf Landesebene.
Daneben gibt es auch in Südtirol noch andere Gruppen, die für sich als religiöse, soziale oder ethnische Minderheit Anerkennung bzw. bestimmte Rechte fordern (z. B. Angehörige anderer Religionsgemeinschaften, Ausländer, körperlich oder geistig behinderte Menschen, Homosexuelle und natürlich auch die Sinti und Roma).
Die Sache ist also komplizierter als sie zunächst scheint. Gerade in Südtirol, wo der Begriff Minderheit so oft in den Mund genommen wird, sollte man darüber nachdenken, wer damit jeweils gemeint ist, was er bedeutet und was die jeweilige Gruppe mit Berufung auf ihren Minderheitenstatus fordert.
In einer weiten Definition des Begriffes Minderheit lassen sich darunter jene Menschen bzw. Gruppen verstehen, die aufgrund eines bestimmten Merkmals, einer ethnischen bzw. sprachlich-kulturellen Zugehörigkeit oder aufgrund einer bestimmten Verhaltensweise in der Gesellschaft benachteiligt werden.
Insofern lassen sich verschiedene Arten von Minderheiten unterscheiden:
- ethnische
- religiöse
- soziale.
Aus dieser Definition des Minderheitenbegriffes wird außerdem deutlich, daß es sich bei diesem Problem nicht einfach um eine Frage der Anzahl oder Größe handelt. Wenn eine Gruppe gesellschaftlich benachteiligt wird, kann ein Grund dafür sein, daß sie in der Minderzahl ist. Es können aber auch Gruppen benachteiligt werden, die rein zahlenmäßig in der Mehrheit sind. Ein Beispiel dafür war die Situation der schwarzen Bevölkerung in Südafrika oder die Lage in vielen lateinamerikanischen Ländern, in denen die eingeborenen Bevölkerungen die Mehrheit bilden, aber von den weißen Minderheiten beherrscht werden. Als Minderheiten in sozialer Hinsicht könnte man auch alte Menschen, Frauen oder Kinder sehen.
Die Unterscheidung MINDERHEIT/MEHRHEIT ist nicht nur eine Frage der ANZAHL, sondern vor allem auch eine Frage der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen MACHT.

ZUR ENTSTEHUNG VON MINDERHEITEN
Diskriminierungen und Verfolgungen von Minderheiten gab es schon immer. Die Juden wurden im Laufe der Geschichte immer wieder als religiöse Minderheit verfolgt und vertrieben (sog. Judenpogrome). Auch die Christen wurden am Anfang als religiöse Minderheit verfolgt. Immer wieder wurden soziale Minderheiten diskriminiert und ausgegrenzt (Landstreicher, Bettler, Behinderte, uneheliche Kinder,...)
Die Frage der ethnischen Minderheiten wurde erst zu Beginn der Neuzeit, mit der Gründung der Nationalstaaten zu einem prägenden und weltweiten Problem. Als europäische Einwanderer vor rund 500 Jahren damit begannen, den amerikanischen Kontinent zu besiedeln, vertrieben und ermordeten sie im Laufe der Zeit einen großen Teil der ursprünglichen Bevölkerung. Die Indianer Nord- und Südamerikas sind auf diese Weise um den größten Teil ihres Landes gebracht worden. Sie wurden zur Minderheit im eigenen Land.
In Europa führten vor allem das 19. Jahrhundert und der Erste Weltkrieg zur Ausbildung von Nationen, die sich als reine Nationalstaaten eines bestimmten Volkes verstanden und die innerhalb ihrer Grenzen lebenden ethnischen Minderheiten benachteiligten.
Grenzveränderungen vor und nach dem Zweiten Weltkrieg schufen neue nationale Minderheiten. Durch die großen Wanderungsbewegungen (Migrationen) der letzten Jahrzehnte bildeten sich überall neue Minderheiten: sei es in Europa durch Einwanderung von Arbeitsuchenden und Asylbewerbern oder z. B. in Afrika und Asien durch Flucht und Vertreibungen.

UND DIE SINTI UND ROMA?
Die Sinti und Roma sind nicht Angehörige eines einzigen Landes, sondern sie haben sich beinahe über die ganze Welt verbreitet. In allen Ländern Europas bilden sie eine ethnische Minderheit, weil sie eine eigene Sprache und Kultur haben. Sie gehören meist aber auch zur sozialen Minderheit, weil sie in ihren Lebensweisen und Werthaltungen Unterschiede zur Mehrheitsbevölkerung aufweisen und weil sie meist auch wirtschaftlich und sozial benachteiligt sind.

MINDERHEIT/MEHRHEIT
Minderheit und Mehrheit sind keine feststehenden Kategorien; sie hängen vom jeweiligen Standpunkt ab und können sich mit der Zeit auch verändern.
"Jeder Mensch ist Minderheitenangehöriger", d. h. eine Person kann in gewisser Hinsicht der Mehrheit angehören (z. B. als deutschsprachiger Südtiroler im Land) und gleichzeitig in einer anderen Hinsicht Minderheitenangehöriger sein (z. B. als Zeuge Jehovas).
Menschen haben verschiedene Identitäten: ethnische, religiöse, soziale. Das macht eigentlich den Reichtum und die Lebendigkeit des Menschseins aus. Wenn wir die Dinge so betrachten, bekommt der Begriff der Minderheit einen positiven Klang. Die Zugehörigkeit zu einer Minderheit muß nicht unbedingt zur Last und zum Problem werden, wie es in unserer gegenwärtigen Gesellschaft allerdings meist der Fall ist.
Minderheiten machen unsere Gesellschaft bunter. Wie könnten wir uns in einer Gesellschaft, in der alle gleich sind, weiterentwickeln? Nur die Haltung der Toleranz und die Anerkennung der Unterschiede ermöglicht es uns, miteinander zu leben und voneinander zu lernen.

oben- EINE GESCHICHTE DER VERTREIBUNG UND AUSGRENZUNG
Die Zigeuner selbst besitzen keine schriftlichen Aufzeichnungen über ihren Ursprung, ihre Traditionen und ihre Mythen. Bisher wurde ihre Geschichte nur von Außenstehenden geschrieben. Erst seit kurzem setzen sich die Sinti und Roma selbst mit der Aufarbeitung ihrer eigenen Geschichte auseinander.
Indien gilt als Ursprungsland der Sinti und Roma. Den Nachweis des indischen Ursprungs der Zigeuner hat die Sprachwissenschaft geliefert. Über die soziale Situation der Sinti und Roma in dieser Frühzeit wissen wir fast nichts. Wahrscheinlich gehörten sie einer niederen Kaste an oder waren Kastenlose.
Zwischen dem 5. und 11. Jhdt. gab es mehrere Auswanderungswellen. Not, Kriege und Vertreibung zwangen die Roma, ihre Heimat zu verlassen und die Wanderschaft aufzunehmen. In größeren oder kleineren Gruppen wanderten sie zunächst in die an Indien angrenzenden Regionen, z. B. nach Persien, aus. Auch von dort mußten sie wieder wegziehen, immer besorgt darüber, auf Wege zu geraten, auf denen "kein Hahn kräht und kein Hund bellt", wie ein Roma-Lied erzählt, bis sie schließlich im byzantinischen Reich ankamen.

Wir Sigismund, von Gottes Gnaden römischer König, allzeit Mehrer des Reiches, König von Ungarn, Böhmen, Dalmatien, Kroatien p.p. Allen unseren Getreuen von Adel, Militär, Befehlshabern, Beamten, Schlössern, offenen Flecken, Städten und ihren Richtern in unserem Reiche und in unserer Herrschaft, unseren gnädigen Gruß zuvor.
Unsere Getreuen, Ladislaus, Woiwode der Zigeuner, nebst anderen zu ihm Gehörigen, haben uns gehorsamst ersucht, wir möchten sie unserer weitgehenden Gnade würdigen. Daher haben wir, ihrem gehorsamlichen Gesuche willfahrend, ihnen diese Freiheit einräumen wollen.
Darum, wenn eben dieser Woiwode Ladislaus und sein Volk zu einer der genannten unsrigen Herrschaften, seien es Flecken oder Städte, gelangt, so vertrauen wir ihn eurer Treue an und ordnen an, ihr sollt auf diese Weise schützen den Woiwoden Ladislaus und die Zigeuner, welche ihm untertan sind, ohne Hindernis und Beschwernis hegen und erhalten; - ja sogar wollt ihr sie vor allen Unzuträglichkeiten und Ärgernissen schützen. Sollte aber unter ihnen sich irgend ein Unkraut finden oder sich Wirren ereignen, es sei von welcher Seite es wolle, so sollt nicht ihr oder einer von euch, sondern dieser Ladislaus, der Woiwode, das Recht zu strafen oder zu begnadigen haben.
Gegeben in unserer herrschaftlichen Residenz am Tage vor dem Feste St. Georg des Märtyrers, im Jahre des Herrn 1423 im 36. Jahre unseres Königtums in Ungarn, im 12. unseres römischen Kaisertums, im 3. unseres Königtums in Böhmen.

Geleitbrief des Kaiser Sigismund

DIE AUSBREITUNG IN EUROPA
Zu Beginn des 15. Jhdts. zogen die Zigeuner Richtung Westeuropa, wo sie in den Chroniken mancher Städte erwähnt werden. Über die Herkunft der Zigeuner wurde viel spekuliert. Durch ihre ungewöhnliche äußere Erscheinung (dunkle Haut, Tätowierungen, große Ohrringe,...) zogen Sinti und Roma die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf sich.
Einige behaupteten, sie seien Juden, andere glaubten, daß es sich bei den Zigeunern um Ägypter handle, und so wurden sie in Europa auch vielfach als "Ägypter" oder "Tataren" bezeichnet. Zunächst wurden die Fremden in Europa meist freundlich empfangen oder zumindest akzeptiert. Häufig wiesen sie Geleitbriefe vor, welche ihnen einen ungehinderten Durchzug sichern sollten. So garantierte der Schutzbrief des Kaisers Sigismund 1423 den Zigeunern Schutz und Sicherheit im Habsburgerreich. Allerdings überließ man ihnen in der festgefügten feudalen Gesellschaft nur wenige Beschäftigungen im Bereich des Kleinhandels, des Wandergewerbes und der Schaustellerei. Sie blieben Außenseiter, die man neugierig betrachtete.
In den darauffolgenden Jahren schwenkte die erst freundliche Stimmung um: Der kaiserliche Geleitbrief wurde von den Reichstagen von Lindau (1496) und Freiburg (1498) für ungültig erklärt, der Reichstag von Augsburg verordnete, daß alle Zigeuner innerhalb von drei Monaten das Land zu verlassen hätten. Zudem wurde es der Bevölkerung erlaubt, einen Zigeuner zu töten, der sich auf ihrem Besitz aufhielt. "Wer Zigeuner schädigt, frevelt nicht", lautete eine Verordnung.
Nicht nur in Deutschland wurden solche Gesetze erlassen. Roma wurden in ganz Europa verfolgt, vertrieben und auch getötet. In Württemberg, Preußen und in Mailand wurden aufgegriffene Zigeuner unverzüglich dem Henker übergeben.
Die Feindschaft gegen die Zigeuner hängt mit dem gesellschaftlichen Wandel am Beginn der Neuzeit zusammen. Die Herausbildung des Territorialstaates, die merkantilistische Wirtschaftspolitik, der Ausbau der Bürokratie und Verwaltung bedeuteten insgesamt eine Zunahme der Kontrolle der Bevölkerung. Die fahrenden Zigeuner ließen sich in dieses neue Weltbild der Berechenbarkeit und Effizienz nicht einfügen und zogen deshalb die gesellschaftliche Aggression auf sich. Man beschuldigte sie der Verbreitung der Pest, des Diebstahls und der Hexerei, bezeichnete sie als Spione der Türken und Kindsräuber, sah bei ihnen eine natürliche Veranlagung zu Arbeitsunwilligkeit und Schmutz - man verfolgte und vertrieb sie.
Das 18. Jhdt. war das Jahrhundert der "Aufklärung"; das Konzept der Verfolgung wurde durch das Konzept der Erziehung abgelöst. Die Zigeuner sollten zu "ordentlichen und brauchbaren Bürgern" erzogen werden. Man versuchte, sie seßhaft zu machen, und es begann eine Politik der Assimilierung, die zum Großteil bis heute andauert.
Kaiserin Maria Theresia und ihr Sohn Joseph II. erließen Maßnahmen mit dem Ziel, Sinti und Roma als ethnische Gruppe verschwinden zu lassen. Die Zigeuner sollten als "Neu-Magyaren" in Westungarn angesiedelt werden. An die Siedler wurden Saatgut und Vieh verteilt, dafür wurden der Pferdehandel und die fahrende Lebensweise verboten. Außerdem wurde ein Gesetz erlassen, welches den Sinti und Roma verbot, ihre Sprache zu sprechen und untereinander zu heiraten. Man nahm den Zigeunerfamilien auch die Kinder weg, um sie von "guten Christen" erziehen zu lassen.
Durch die Industrialisierung Europas im 19. Jhdt. wurden viele Sinti und Roma aus Südosteuropa in den Westen gelockt. Einerseits wurden durch die Industrie neue Arbeitsmöglichkeiten geboten, andererseits aber die traditionellen Erwerbsquellen der Zigeuner als Wanderhändler und -handwerker zerstört. Auch in der Landwirtschaft machte die technische Entwicklung die Arbeit als Taglöhner vieler Sinti und Roma überflüssig. Zudem entstand zwischen den Händlern der Zigeuner und Nicht-Zigeuner eine Konkurrenzsituation, was manche Länder veranlaßte, den Sinti und Roma keine Gewerbescheine mehr auszustellen. So erließ der Bundestag in Deutschland 1891 eine "Anweisung zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens", durch die Sinti und Roma ohne Paß problemlos abgeschoben werden konnten.
Weiters wurde beschlossen, auch den deutschstämmigen Zigeunern keine Arbeitsbücher mehr auszustellen. Damit wurde es für diese praktisch unmöglich, einer geregelten Tätigkeit nachzugehen.

Wo immer Zigeuner getroffen werden, sollen ihre persönlichen Verhältnisse geprüft, zu Unrecht geführte Ausweise abgenommen und bei gesetzlicher Zulässigkeit eine Durchsuchung der Zigeuner und ihrer Fahrzeuge erfolgen. Hierbei ist besonders auf entführte Minderjährige, gesuchte Personen, Waffen und Diebesgut, dann auch auf ihr Gewerbe und die Erfüllung der Steuerpflicht zu achten.
Die polizeiliche Ausnutzung des zutage geförderten Materials erfolgt im Anschluß an die in den deutschen Ländern bestehenden landeskriminalpolizeilichen Einrichtungen, die als Nachrichtenstelle über die Wanderungen der Zigeuner in nachbarlicher Verbindung stehen. Die zur deutschen Hauptnachrichtenstelle erhobene Zigeunerpolizeistelle München faßt den "Nachrichtendienst" für die über größere Gebiete des Reiches wandernden Zigeuner zusammen. Sie ist erkennungsdienstliche Zentrale, bei welcher nunmehr, seit auch Preußen im Verfolg eines Ministerialerlasses vom 3. November 1927 alle Zigeuner erkennungsdienstlich erfaßt, die Fingerabdrücke, Lichtbildbehelfe, Personalien usw. über alle in Deutschland auftretenden Zigeuner aufliegen.
Außerdem ist sie Hauptfahndungszentrale und -auskunftsstelle zur Nutzung des angehäuften Aktenmaterials.
Jedes Erscheinen von Zigeunern in einem Verwaltungsbezirk ist von den Sicherheitsbeamten des Außendienstes sofort der vorgesetzten Verwaltungsbehörde zwecks Vorkehrungen und zur Weitergabe an die zuständige Nachrichtenstelle bzw. die Hauptnachrichtenstelle zu melden. Diese Meldungen haben über alle polizeilich wissenswerten Dinge Aufschluß zu geben. Nachträgliche Feststellungen, z. B. entdeckte Diebstähle, werden nachgemeldet.
Lichtbildaufnahmen nach den merkmalischen Grundsätzen Bertillons von den Erwachsenen, Fingerabdrucknahmen von allen Zigeunern über 6 Jahren haben die Grundlage für die erkennungsdienstliche Festhaltung der Zigeuner zu liefern.

(Polizeiliche Anweisung zur Vorgangsweise gegen Zigeuner)


Die bürgerliche Gesellschaft begann Eigenschaften und Wünsche, die sie in dieser Zeit der Technisierung und Disziplinierung zunehmend verdrängen mußte, auf die Zigeuner zu projizieren. Sinti und Roma wurden auf Klischees festgelegt: die sexuell verführerische Zigeunerin, der geniale Zigeunergeiger, die magische Wahrsagerin, die freiheitsliebenden Gesellen. Einerseits galten sie als "edle Wilde", über die Gedichte und Lieder verfaßt wurden, andererseits als "gefährliches Lumpenpack", für das die polizeiliche "Zigeunerbekämpfung" zuständig war.
Im Jahr 1899 richtete Bayern das erste Amt zur systematischen Erfassung von Zigeunern ein. Alle verfügbaren Informationen über Sinti und Roma sollten durch eine polizeiliche Zentralstelle gesammelt werden; soweit möglich wurden auch die Fingerabdrücke registriert. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Sinti und Roma den verschiedenen europäischen Ländern als Soldaten freilich willkommen waren, wurde ihre staatliche Erfassung fortgesetzt. Auf diese Registrierungsarbeit konnten die Nationalsozialisten bei ihrem Vernichtungswerk zurückgreifen.

Doch; etwas ist zurückgeblieben; diese Bewegung: Baba Tamara streicht sich auch dann eine Haarsträhne unter das Kopftuch zurück, wenn gar keine Strähne herabgerutscht ist. Das stammt noch aus der Konzentrationslagerzeit. Tamara hat sich an jene Geste gewöhnt, nachdem man sie kahlgeschoren hatte. Es sollte eine Erinnerung sein.
Denn ihr Haar war dicht und ist ihr immer tief auf die Schultern gefallen. Es sah schön aus, wenn ihr eine Strähne über die Wange wehte. Die Männer haben das immer gemocht. Nur einer mochte es nicht, Tamaras Mann. Sie lächelt, wenn sie an ihn denkt.
"Cyrill", sagt sie, "ist im Rauch aufgestiegen, ein Fliegengewicht. Leichter ist kein Sinto gen Himmel gefahren." Und immer, wenn sie sich das unsichtbare Haar so zurückstreicht, gibt der herabrutschende Ärmel auch wieder die Zahl frei; sie hat fünf Stellen.
"Ich weiß", sagt Baba Tamara; "aber Leukoplast drüberkleben? Sieht das nicht aus, als hätt ich mir den Unterarm an einer Brombeerranke geritzt?"

Niemand ist täglich so hungrig wie Kukas. Man kennt ihn auf Reisen und im Lager nur kauend. Kukas kaut alles. Baumrinde und Fleischfasern vom Knochen am liebsten. Selten, daB er mal keine gekochten Eier in den zerbeulten Rocktaschen trägt.
Es gibt keine Beere, keinen Vogel, kein Niederwild, die Kukas' Frau Tita ihrem Mann nicht schon gekocht, eingepökelt, gebacken oder angeschmort hätte. So ist Kukas auch der einzige in der Sippe, der mit drei Eisschränken reist. Sie sind meist leer. Aber es beruhigt Kukas zu wissen, der Raum für Nahrung ist da.
Er redet auch gerne vom Essen. Die Anfangssätze sind fast immer die gleichen. Kukas schmatzt, er leckt sich die Lippen. Er sagt: "Ich möchte wirklich gern wissen, wie das und das schmeckt."
Es gibt aber niemand in den Familien, der sich darüber lustig machte. Denn jeder weiß, hätte Kukas als Kind nicht so hungern müssen in Auschwitz, er wäre mit einer Brennesselsuppe zufrieden pro Tag.

aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade, Berlin 1988, S. 70



- DER VÖLKERMORD IM NATIONALSOZIALISMUS
Das Schicksal der Sinti und Roma zeigt viele Ähnlichkeiten mit dem der Juden. Beide Völker lebten ohne eigenes Land über Jahrhunderte verstreut in Europa und wurden immer wieder verfolgt und vertrieben. Beide Völker sollten durch die im Nationalsozialismus geplante "Endlösung" vollkommen ausgerottet werden.
Während aber nach dem Krieg über die Verbrechen an den Juden Bücher geschrieben und Filme gemacht wurden, wurde der Leidensweg der Zigeuner vergessen bzw. verdrängt.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland trat sofort eine Reihe von Gesetzen in Kraft, die sich vor allem gegen die nichtseßhafte Bevölkerung richtete, so z. B. das "Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses", das die Zwangssterilisation ermöglichte oder das "Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrecher".
Die Nürnberger Gesetze von 1935 ("Reichsbürgergesetz" und "Gesetz zum Schutz des deutschen Blutes und der deutschen Ehre") stempelten die Zigeuner - ebenso wie Juden und "Neger" - als "rassisch minderwertig" und "asozial" ab. Ihnen wurde die Reichsbürgerschaft abgesprochen, Ehen zwischen "Ariern" und "Nichtariern" wurden verboten.
Der nächste Schritt war die Einweisung in sogenannte Arbeitslager. Bereits 1936 wurden in Bayern 400 Sinti und Roma ins KZ Dachau gebracht. Im gleichen Jahr wurden in Berlin die dortigen Sinti im Lager von Marzahn eingesperrt. Die Zahl der Lagereinweisungen nahm in den folgenden Jahren aufgrund weiterer gesetzlicher Bestimmungen zu.
1936 wurde die Rassehygienische Forschungsstelle gegründet. Hier sollte "wissenschaftlich" bewiesen werden, daß Landstreichertum, Betteln, Diebstahl und Betrug als naturbedingte und vererbliche Anlagen der Zigeuner zu sehen sind, die deshalb in Arbeitslager einzusperren seien und deren Fortpflanzung verhindert werden müßte. Die karteimäßige Erfassung der Sinti und Roma war die Grundlage für ihre lückenlose Deportation in die Vernichtungslager.
Der "Zigeunererlaß" vom Dezember 1938 befahl die polizeiliche Erfassung aller Zigeuner; aufgrund des "Festsetzungserlasses" vom Oktober 1939 durften sie ihren Aufenthaltsort nicht mehr verlassen und im April 1940 wurde schließlich die Deportation aller Sinti und Roma des "Großdeutschen Reiches" nach Polen beschlossen. Dort wurden sie in Lagern und Ghettos zusammengesperrt und mussten Straßen, Bunker und Konzentrationslager bauen. Wer nicht mehr arbeitsfähig war, wurde erschossen.
Die planmäßige Ausrottung der Sinti und Roma begann mit dem AUSCHWITZ-ERLASS vom 16. 12. 1942. Alle von Hitler-Deutschland besetzten Länder waren zur Deportation der Zigeuner aufgerufen.

ÖSTERREICH
In Österreich - seit März 1938 als "Ostmark" Teil des "Großdeutschen Reiches" - wurden die Sinti und Roma ebenfalls rigoros verfolgt. Aber auch hier begann die Verfolgung nicht erst mit dem Anschluß an das nationalsozialistische Deutschland. Bereits vorher betrieben österreichische Politiker und Polizei konsequent die Ausgrenzung der Zigeuner. So nahm bereits 1936 die "Internationale Zentralstelle zur Bekämpfung der Zigeunerplage" in Wien ihre Arbeit auf, die in der Erfassung aller Zigeuner lag. Die Erfassung der Zigeuner war die Voraussetzung für ihre Internierung in die verschiedenen Lager, die auch in Österreich errichtet wurden. Die beiden größten Zigeunerlager in Österreich waren in Salzburg/Maxglan und das Lager Lackenbach im Burgenland. Viele österreichische Sinti und Roma wurden aber auch in die Konzentrationslager des Reiches deportiert.

ITALIEN
Im Unterschied zum Nationalsozialismus spielte der Rassegedanke innerhalb des italienischen Faschismus keine so große Rolle. Bis zum Jahr 1938 flüchteten viele Juden vor der nationalsozialistischen Verfolgung im Reich nach Italien. 1938 wurden allerdings auf Drängen des Bündnispartners Hitler die Rassegesetze in Italien übernommen, wobei jedoch besondere Hinweise auf die Zigeuner fehlen. Ab Frühjahr 1940 begann man auch in Italien mit der Registrierung der Juden und ihrer Einweisung in Lager. In diesen Lagern wurden dann - wie aus den Gefangenenlisten ersichtlich wird - auch Zigeuner interniert, von wo aus sie nach Deutschland bzw. Polen gebracht wurden. Die Zahl der Ermordeten wird auf 1000 geschätzt.

ÜBRIGE EUROPÄISCHE LÄNDER
Seit Beginn des Krieges wurden auch in den übrigen europäischen Ländern, die von den nationalsozialistischen Truppen besetzt waren oder mit ihnen zusammenarbeiteten, Roma in Sammellagern eingesperrt und zur Zwangsarbeit oder Vernichtung nach Deutschland und Polen verschleppt. In den ost- und südosteuropäischen Ländern, wo ein Großteil der Roma lebte, wurden diese Verfolgungs- und Vernichtungsaktionen mit besonderer Grausamkeit durchgeführt.
Nur in Dänemark und Finnland blieben die Roma vor Verfolgungsmaßnahmen verschont, weil die Regierungen in dieser Frage nicht zur Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten bereit waren.
Aufgrund des Auschwitzerlasses wurde in Auschwitz/Birkenau ein eigenes Zigeunerlager mit 32 Baracken errichtet. Im Eingangsregister sind die Namen von 20.946 Sinti und Roma vermerkt. In Wirklichkeit war die Zahl der dort eingelieferten Zigeuner größer, denn man weiß, daß Menschen nach der Ankunft oft direkt in die Gaskammern geschickt wurden, ohne vorher registriert zu werden.
Sinti und Roma waren aber nicht nur in Auschwitz eingesperrt, sondern in fast allen deutschen Konzentrationslagern. Genaue Informationen über das Schicksal dieser Menschen in den Lagern und genaue Zahlen über Todesopfer stehen auch deshalb nicht zur Verfügung, weil sich die Geschichtsschreibung nach dem Krieg für die Sinti und Roma nicht besonders interessiert hat.
Wir wissen aber, daß an Angehörigen dieser Volksgruppe medizinische Versuche durchgeführt wurden. Roma-Häftlinge wurden zwangssterilisiert, mit Typhus und Fleckenfieber infiziert, sie wurden gezwungen, Meereswasser zu trinken, es wurden Kälteschockversuche durchgeführt, und sie wurden für Senfgasexperimente benutzt.
Insgesamt wurden während der NS-Herrschaft mindestens 277.000 Sinti und Roma ermordet. Für die Interessen der Pharma- und Rüstungsindustrie bezahlten unzählige Häftlinge mit ihrem Leben oder schweren gesundheitlichen Schäden, für die sie nach dem Krieg meist nicht einmal materiell durch eine Opferrente entschädigt wurden.

NACH 1945
Für die Sinti und Roma bedeutete das Jahr 1945 keine Wende. Es war das Ende der offenen Ausrottungspolitik der Nationalsozialisten; es war aber das Fortdauern der Diskriminierung gegenüber den Sinti/Roma, die man nur widerwillig als Opfer des Faschismus anerkennen wollte. Vielen wurde lange Zeit die erneute Erteilung der Staatsbürgerschaft verweigert. Gesetze gegen das "Zigeunerunwesen" wurden auch nach 1945 erlassen.
Jene "Zigeunerfachleute" aber, die für die Ermordung so vieler Menschen verantwortlich waren, wurden nach Kriegsende kaum gerichtlich verfolgt bzw. blieben bei Gerichtsverhandlungen straffrei. Sie konnten ihre Karriere als Ärzte und Professoren fortsetzen.

oben- KZ-ERLEBNISSE DER ROSA WINTER

Rosa Winter Wenn ich keine Zigeunerin gewesen wär, wär ich ja nicht ins KZ gekommen. Ich hab keine Vorstrafen gehabt, gar nichts, ich war noch ein Kind. Nur wegen der Rasse sind wir hineingekommen, weil wir Zigeuner sind. Ich glaube, so etwas wie ein KZ könnte es bei uns nicht mehr geben. Heutzutage würde er nicht lange existieren, der Hitler. Weil die Leute viel schlauer und intelligenter sind als früher. Wenn er heute wo eine Rede halten würde, ist er weg. Bringens ihn um. Auf der Stelle.
Vor 1938 waren wir da und dort, im ganzen Österreich sind wir herumgezogen. Wie dann der Hitler gekommen ist, sind wir in Salzburg gewesen, meinen Vater habens gleich genommen und nach Dachau gebracht. Wir haben noch keine Ahnung gehabt, was dort ist. So fünfzehn, sechzehn Jahre bin ich damals gewesen.
Einmal, in der Früh, sind wir aufgestanden, und der ganze Platz war umstellt, von der Polizei und von Kriminalisten. Alles aufstehen, hat es geheißen, und mitgehen, wir kommen weg. Auf Lastautos habens uns rauf, ganze Familien, die dort gewohnt haben. In Salzburg haben sie uns auf eine Rennbahn, in Boxen hinein. Wo sonst ein Pferd drinnen ist, waren wir zwei, drei Familien. Später ist in Maxglan ein Lager aufgemacht worden. Wieder haben sie die Leute in solche Boxen hinein, familienweise. Oh Gott, von kreuz und quer sind die Menschen dorthin geschickt worden. Zusammengesammelt und weiter verschickt. Arbeiten mußten wir dort, schwere Arbeit, Straßen bauen. Gearbeitet hast du genug, aber Geld hast keines gekriegt, gar nix, nur einen Haufen Schläg, von den Beamten genauso wie von manchen Häftlingen.
Im Vergleich mit Ravensbrück war das aber tausend gegen eins. Erstens war ich mit meinen Eltern und Geschwistern zusammen, und so viele Schikanen und Methoden hat es in Maxglan noch nicht gegeben. In Ravensbrück haben alle ganz gleich ausgeschaut. Wie ich angekommen bin, haben ein paar geschrieen, bist du auch da! Aber ich hab niemand gekannt.
Jede mit einer Glatze, dasselbe gestreifte Gewand, ich hab niemand erkannt. Die Haar waren ganz weg, so wie auf der Hand. Wenn sie nachgewachsen sind, sind die Leute freiwillig hingegangen und haben gebeten, abschneiden. Weil soviele Läuse waren, soviel Ungeziefer, das können Sie sich nicht vorstellen. Nichts zum Anziehen haben wir gehabt, nur ein Gewand mit kurze Ärmel, ganz dünn.
Schwer arbeiten haben wir müssen, Straßen bauen. Viel Hunger, viel Schläge. Und die Kälte. Damals haben sie die Leute noch nicht bei lebendigem Leib vergast, sie haben sie moralisch umgebracht. Mit der vielen Arbeit, mit dem vielen Hunger und mit den vielen Schlägen. So bist du zugrunde gegangen. Und wenn du tot warst, hinein in den Ofen, nicht einer, immer gleich ein ganzer Haufen. Wenn du eine Vorarbeiterin gehabt hast, die von den Zigeunern war, hat sie schon gesagt, rastets euch aus, die hat aufgepaßt, wenn die Beamtin gekommen ist. Aber im Winter hast freiwillig gearbeitet, so schnell wie möglich, sonst wärst du erfroren. Kilometersteine haben wir ausgegraben und Pflastersteine. Normale Arbeit hat es dort keine gegeben. Außer in der Schneiderei und in der Strohflechterei. Aber wenn Ihnen dort eine Nadel kaputt gegangen ist, war das Arbeitssabotage, habens dich umgebracht. Nähen hab ich sowieso nicht können, hab überhaupt keinen Dunst gehabt. Einmal war ich in der Strohflechterei, Zöpfe aus Stroh haben wir flechten müssen, für solche Taschen, die man jetzt auch wieder kaufen kann. Das hab ich nicht zusammengebracht. Mein Stück Brot hab ich immer anderen Häftlingen gegeben, damit sie für mich die Arbeit machen. Sonst hätte ich 25 gekriegt! Also hab ich geschaut, daß ich von dort wieder wegkomm. Viele Zigeuner haben draußen gearbeitet.
Ein Kommando hat es gegeben, praktisch ein Todeskommando, in das bist du strafweise versetzt worden. Aus einem Sumpf hast den Dreck in so einen blechernen Schubkarren schöpfen und wegführen müssen. Schlitzig war das alles, wenn jemand hineingefallen ist, ist er ganz langsam untergegangen. Aber du hast ihm nicht helfen dürfen. Je mehr er geschrien hat, je mehr er herumgehaut hat, desto schneller ist er untergegangen. Vierzehn Tage war ich dabei, weil ich irgend etwas gestohlen hatte, irgend etwas zum Essen.
Aber KZ-Geld hab ich keines gekriegt. Niemand hat uns etwas gesagt, ich hab gar nicht gewußt, daß es so etwas gibt, lesen hab ich ja nicht gelernt. Nach vielen Jahren erst bin ich draufgekommen. Meine Tochter hat dann angesucht, sie ist schriftgelernt. Haben sie zurückgeschrieben: abgelehnt. Vorher wollten sie noch wissen, ob ich vor 1938 überhaupt in Österreich war. So viele Zeugen hab ich dafür gebraucht. Mehr wie genug hab ich gebracht, aber noch mehr hätten sie wollen. Abgelehnt. Mein ganzes Leben war ich in Österreich. Nicht einmal zehn Groschen habens mir geben.

aus: Ich geb Dir einen Mantel, daß Du ihn noch in Freiheit tragen kannst. Widerstand im KZ. Österreichische Frauen erzählen, hrsg. von Karin Berger u. a., Wien 1987.

Rosa Winter ist 1923 geboren und stammt aus einer Familie reisender Sinti. Sie wurde 1938 im Sammellager Maxglan bei Salzburg eingesperrt, dann nach Ravensbrück deportiert, von wo aus sie in die verschiedenen Nebenlager gebracht wurde. Rosa Winter ist die einzige Überlebende ihrer Familie.



- DIE KARRNER - TIROLER ZIGEUNER?

Die Karrner. A. Stolz (19??)In Tirol gibt es eine eigene Tradition der Menschen, die ständig oder zu bestimmten Zeiten auf Wanderschaft gingen. Die Gründe, warum sie ihren Heimatort verließen und zu wandern begannen, waren meist große Armut und ein starkes Anwachsen der Bevölkerung, manchmal auch politische oder religiöse Verfolgung und in selteneren Fällen vielleicht auch Abenteuerlust und die Neugier auf die Welt.
Seit dem 16./17. Jhdt. machten sich Menschen immer wieder auf den Weg in reichere Länder, in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben. In fast allen Gebieten Tirols gab es Wanderhändler, Schmuggler, Arbeitspendler, Schwabenkinder - sie alle verließen zeitweise ihre Heimat und gingen in die Fremde. Sie wurden deshalb von denen, die daheim blieben, oft verachtet.
Ein Gebiet, in dem sich solche Wandergruppen häuften, war der obere Vinschgau: einerseits ein sehr armes Gebiet, andererseits ist die Grenze zur Schweiz sehr nahe. Beide Faktoren begünstigten die Wanderungen der dort lebenden Menschen.
Im 18./19. Jhdt. bildeten sich im Obervinschgau die "Karrner" als eigene Gruppe heraus. Das waren Menschen, die mit einem Karren durch das Land zogen und "wie die Zigeuner" auf der Straße lebten. Für diese Menschen gab es auch noch andere Bezeichnungen (Storchen, Dörcher, Laninger), wobei man über die Herkunft und die Bedeutung dieser Namen allerdings nur Vermutungen anstellen kann.
Seit ihrem Auftreten bis zum Ersten Weltkrieg bildeten die Karrner eine relativ feste Gemeinschaft. Nach dem Krieg zersplitterten sich die Karrnersippen und nahmen rapide ab. Das endgültige Ende läßt sich in Südtirol mit der Optionszeit ansetzen, als viele Karrnerfamilien auswanderten.

WIE LEBTEN DIE KARRNER?
Das wichtigste für die Karrner war ihr Karren, den sie selbst zogen. Es war ein zweirädriger Wagen, über den sich gebogene Holzlatten wölbten, die mit einem festen Tuch bespannt waren. Vor dem Schlafengehen wurde die Wagenplane über die Ränder bis zum Boden gezogen, sodaß ein geschützter Raum entstand. Das war der Schlafplatz für die Erwachsenen, während die Kinder im Wagen schliefen. Die Karrner suchten sich nur für die Wintermonate ein festes Quartier, die übrigen Monate waren sie immer auf dem Weg.
Ihren Unterhalt sicherten sich die Karrner auf verschiedene Weise. Sie stellten Dinge zum Verkauf her: Körbe, Besen, Schuhcreme oder Wagenschmiere aus Tierfett. Sie betrieben Handel mit Waren, die sie in entfernteren Orten gekauft hatten, z. B. mit Obst und Gemüse, Wetzsteinen, Geschirr, Bildern, Tabaksbeuteln, Kräutern, Alteisen, Lumpen. Außerdem handelten sie auch mit Pferden, Hunden und Vögeln.
Daneben boten die fahrenden Menschen den einheimischen Bauern verschiedene Dienstleistungen an: sie richteten Schirme und Pfannen, schliffen Messer oder sie unterhielten die Menschen mit ihrer Musik. Zum Teil versorgten sich die Karrner auch selbst, indem sie kleinere Tiere, wie z. B. Ziegen hielten.
Da es sich bei den Karrnern meist um sehr arme Menschen handelte, spielte auch das Betteln ein Rolle. Es zogen aber nur die Frauen und Kinder zu den Bauernhöfen, um zu betteln, die Männer hielten sich in der Zwischenzeit meist auf dem Rastplatz auf, wo sie andere Arbeiten verrichteten. Die Karrner waren auch der Meinung, daß das, was in der Natur wächst eigentlich allen Menschen gehöre. Deshalb bedienten sie sich machmal auch auf den Feldern und Wiesen der seßhaften Bauern. Dies und das Betteln führten dazu, daß die seßhafte Bevölkerung den Karrnern meist feindlich gegenüberstand.

LEBENSWEISE UND GEWOHNHEITEN
Lebensweise und Gewohnheiten der Karrner waren von ihrem Wanderleben und ihrer Armut geprägt und unterschieden sich insofern von denen der seßhaften bäuerlichen Bevölkerung. Das zeigte sich in ihrer Kleidung, ihren Eßgewohnheiten und im Familienleben. Was Kleidung und Ernährung betrifft, waren die Karrner auf günstige Tauschgeschäfte angewiesen, so daß hier Einflüsse aus allen ihren Aufenthaltsorten sichtbar wurden.
Die Kleidung der Karrner war zwar ärmlich und meist geflickt, dafür aber bunt (geschmückte Hüte, lange bunte Röcke und Kopftücher, Halstücher, allerlei bunter Schmuck). Deshalb konnte sie für die Fahrenden zum Statussymbol werden, mit dem sie sich gegen die übrige Bevölkerung abgrenzten.
Die Karrner wurden oft als "Hundefresser" beschimpft, da Hundefleisch für sie eine ganz selbstverständliche und notwendige Nahrung war. Obwohl Menschen ja immer Fleisch von verschiedenen Tieren aßen, galt der Verzehr von Hundefleisch als abstoßend.
Von den Karrnern sagte man außerdem, daß sie sehr viele Kinder hätten, die zudem häufig unehelich geboren würden. Das kann durchaus zutreffen. Einerseits ist es in allen Gesellschaften der Welt so: je ärmer die Leute sind, desto größer die Zahl der Kinder. Andererseits bestand seit dem Mittelalter bis ins 19. Jhdt. ein Heiratsverbot für arme Leute, d. h. die behördliche Heiratserlaubnis war an ein bestimmtes Einkommen gebunden. Viele Karrner waren also gezwungen, ohne Eheschließung eine Familie zu gründen.
Auch die Kindheit wies einige Besonderheiten auf. Die Kinder wuchsen auf der Straße auf, sie werden deshalb schon sehr früh gezwungen worden sein, ihre geistige und körperliche Durchsetzungskraft zu erproben. Der Schulbesuch der Karrnerkinder war meist unregelmäßig oder fand überhaupt nicht statt. Wichtiger für das Leben auf der Straße war wohl das praktische Lernen von den Eltern bzw. älteren Geschwistern.

KARRNER - TIROLER ZIGEUNER?
Vieles in der Lebensweise der Karrner weist Ähnlichkeiten mit der der Zigeuner auf. Gemeinsam mit den Zigeunern haben sie auch, daß sie von der übrigen Bevölkerung, aufgrund vieler Vorurteile und weil sie eben anders lebten, abgelehnt und verachtet wurden. Heute noch gibt es in Südtirol den Ausdruck "streiten wie die Karrner", der nahelegt, die Karrner seien besonders streitsüchtig gewesen.
Allerdings handelte es sich bei den Karrnern - im Unterschied zu den Zigeunern - nicht um ein Volk mit einer gemeinsamen Herkunft, sondern sie waren eine bestimmte soziale Gruppe innerhalb der Tiroler Bevölkerung, während die Zigeuner eine eigene Volksgruppe (Ethnie) bilden.

oben- SINTI UND ROMA IN SÜDTIROL
Roma-Lager in Bozen SüdBis zum heutigen Tag ist Südtirol der Forderung des derzeitigen italienischen Staatspräsidenten und ehemaligen Innenministers Scalfaro, "eine angemessene Antwort auf die primären Bedürfnisse der nomadischen Bevölkerung zu geben", nicht nachgekommen.
Konkrete Maßnahmen für eine sinnvolle Lösung fehlen. Stattdessen gibt es Versuche der Verharmlosung und Verschleierung. Derzeit leben die Sinti und Roma in Südtirol in einem rechtlichen Vakuum. Sie siedeln auf provisorischen Plätzen, die chronisch überfüllt sind, oder verstreut am Rande der Städte und Dörfer. Von dort werden sie immer wieder von der Polizei verjagt.
Um diese Situation zu verbessern, genügt es nicht, wenn die politischen Stellen Geld zur Verfügung stellen, um Lagerplätze einzurichten. Die Einrichtung von festen Stellplätzen scheitert nämlich immer wieder auch am Protest der Anrainer: man will keine Zigeuner als Nachbarn.
In Südtirol sind es vor allem die Caritas, aber auch das inzwischen gesamtstaatlich organisierte Nomadenwerk "Opera Nomadi", welches vom Geistlichen Bruno Nicolini in den 60er Jahren in Bozen gegründet wurde, die sich für Sinti und Roma einsetzen.
Das "Opera Nomadi" kümmert sich um die Aufenthaltsgenehmigungen, wurde zur zentralen Anlaufstelle für die Sinti- und Romagemeinschaften und bemüht sich um straffällig gewordene Sinti und Roma.
Zur "Opera" stieß in den sechziger Jahren die Lehrerin Sandra Carli, die in einer vom Staat finanzierten Sonderschule Kinder unterrichtete. Sie wurde zur Vertrauensperson der Sinti und Roma, ähnlich wie der Eppaner Seelsorger Bruno Carli. Immer wieder forderte das Nomadenwerk von der Gemeinde Bozen die Schaffung fester Rastplätze und mehr Toleranz für die Nomadenfamilien. Das "Opera Nomadi" gelang es auch, die Türen der Schulen in Bozen für die Sinti- und Romakinder zu öffnen.
Nach neuesten Schätzungen der Südtiroler Caritas leben im Raum Bozen rund 300 seit langem ansässige Sinti und Roma. Weitere 200 leben in verschiedenen anderen Orten Südtirols, vor allem in Meran und Brixen. Dazu kommen noch einige hundert neu zugewanderte Roma. Viele von ihnen sind bitterarm, Analphabeten und z. T. vorbestraft. Es gibt für sie aber wenig Möglichkeiten, sich aus diesem Kreislauf zu befreien.
Immer wieder werden sie von ihren Rastplätzen vertrieben und bei jedem Einbruch führt die Polizei Durchsuchungen in den Zigeunerlagern durch. Seit im ehemaligen Staatsgebiet von Jugoslawien Krieg herrscht, hat sich die Situation zusätzlich verschärft. Zu den seit langem in Südtirol lebenden Sinti kommen zahlreiche Roma-Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten nach Italien und auch nach Südtirol. Die meisten von ihnen haben die Hoffnung auf die Rückkehr in ihre Heimat nicht aufgegeben. Da dies in nächster Zukunft aber nicht möglich sein wird, fordern sie menschenwürdige Existenzbedingungen, d. h. mehrere kleinere Lagerplätze für die verschiedenen Gruppen. So wollen sie Stellplätze für einen festen Aufenthalt von Transitlagerplätzen trennen. Außerdem könnten auf kleineren Plätzen verwandte Gruppen siedeln, sodaß viele der Spannungen vermieden werden könnten. Die Plätze müßten mit ausreichenden sozialen und sanitären Strukturen ausgestattet sein, damit den Sinti und Roma ein menschenwürdiges Leben ermöglicht wird und sie nicht fortwährend ins Abseits und in die Illegalität gedrängt werden.

oben- FAMILIE LIMAN

Das Lager in der Francesco-Baracca-Straße in Bozen-Süd besteht seit Herbst 1993. Am Anfang siedelten dort vierzig Familien, insgesamt etwa 200 Personen. Es handelte sich dabei vorwiegend um Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Innerhalb kürzester Zeit wuchs die Zahl der Lagerbewohner rapide: ein knappes Jahr später, im Sommer 1994 drängten sich auf dem kleinen Platz 500 Menschen.
Da sich die Situation auf dem Balkan nicht stabilisierte, hörte der Zuzug flüchtender Menschen nicht auf. Zudem kamen einige Roma-Familien aus Deutschland dazu. Sie waren dort nicht als politische Flüchtlinge anerkannt und deshalb ausgewiesen worden. Das betraf vor allem Menschen aus Mazedonien oder aus Kosova, die nicht zum unmittelbaren Kriegsgebiet zählen, obwohl die Bevölkerung dort zum Kriegsdienst eingezogen wird.
Das Lager ist also hoffnungslos überfüllt: ein Wohnwagen reiht sich an den nächsten, die sanitären Anlagen sind für so viele Menschen absolut unzureichend. Es gibt zwar ein Minimum an sozialen Infrastrukturen, z. B. einen Kindergarten und eine Aufgabenbetreuung für die Schulkinder am Nachmittag durch pensionierte Lehrpersonen. Außerdem besteht dreimal wöchentlich die Möglichkeit der ärztlichen Kinderbetreuung. Das reicht aber nicht aus, um den Menschen dort ein würdiges Leben zu ermöglichen. Auch bei großer Anstrengung ist das Lager kaum sauberzuhalten, es gibt kein warmes Wasser, die Menschen beschränken sich gegenseitig durch Lärm und bei dieser Enge kommt es natürlich auch zu zwischenmenschlichen Reibereien, Konkurrenzverhalten und ethnischen Konflikten.
Für die Roma aus dem Balkangebiet ist diese Situation umso schwieriger zu ertragen, als sie in ihrer Heimat in der Mehrheit seßhaft waren und einer geregelten Arbeit nachgingen, also ein durchaus "bürgerliches" Leben führten.

Die Familie Liman gehörte zu den ersten Familien in diesem Lager. Die Familie besteht aus sechs Mitgliedern und kommt aus Mazedonien. Bevor die Familie vor eineinhalb Jahren über einen Zwischenaufenthalt in Genua nach Südtirol kam, lebten sie ein sehr "bürgerliches" Leben in Mazedonien. Der Vater Sami, 43 Jahre, arbeitete 24 Jahre lang in einem Lebensmittelmagazin, ebenso der 25jährige Sohn Sebastian. Die Mutter Gyulir, 42 Jahre alt, nahm gelegentlich Putzarbeiten an und kümmerte sich sonst um die Familie. Die 24jährige Tochter Annetta besuchte zwei Jahre lang die Polizeischule, wechselte dann aber auf Wunsch der Mutter zu einer Konditoreilehre über, da der Mutter der angestrebte Beruf zu gefährlich schien. Der 22jährige mann sucht frau zum heiraten berlin Sohn Dehran arbeitete als Lackierer in einer Karosseriewerkstatt. Zur Familie gehört schließlich auch noch die 3jährige Tochter von Sebastian, Nesibe. Das alles wird uns erzählt, um zu verdeutlichen, wie fremd und unangenehm ihnen die aktuelle beengte Lagersituation ist. Dazu kommen noch die bürokratischen und finanziellen Probleme, vor denen sie als Flüchtlinge stehen.
Den Entschluß, ihre Heimat zu verlassen, faßte die Familie, als der älteste Sohn Sebastian die Einberufung zum Kriegsdienst erhielt. Herr Liman sagt: "Für unsere Kinder haben wir alles aufgegeben."
Die Situation im Lager ist für sie sehr bedrückend, ihr größter Wunsch wäre eine Wohnung oder zumindest ein ruhigerer Platz für den Wohnwagen. Bis jetzt waren alle diesbezüglichen Bemühungen vergeblich. Ihre finanzielle Situation ist äußerst schwierig. Der wenige Familienschmuck wurde schon sehr bald verkauft, Arbeit und Verdienst gab es nicht. Herr Liman ist deshalb am Anfang auch betteln gegangen, um das Überleben der Familie zu sichern. Inwischen haben Sebastian und Annetta eine Arbeit gefunden, auch Frau Liman und Dehran hatten zeitweise eine Verdienstmöglichkeit durch Putzarbeiten. Sie haben inzwischen auch gelernt, sich in italienisch zu verständigen.
Trotz der schwierigen Situation, in der sich die Familie befindet, resignieren sie nicht. "In schwierigen Situationen ist es wichtig, daß die Familie zusammenhält," sagt Frau Liman. Und das tut die Familie Liman und sie gibt die Hoffnung nicht auf, wieder nach Mazedonien zurückkehren zu können.


oben- FAMILIE HERZENBERG IN SINICH/MERAN

Vor etwas mehr als 30 Jahren kam die Sippe der Herzenberg in die Umgebung von Meran. Das Familienoberhaupt der Sippe ist Pierino Herzenberg. Seine Vorfahren waren aus der Herzegowina nach Italien eingewandert. Als im Jahre 1938 die Rassegesetze nach deutschem Vorbild auch in Italien eingeführt wurden, betraf das auch die Familie Herzenberg; sie wurden in einem Lager bei Campobasso eingesperrt. Nachdem die Herzenberg 1945 von den Alliierten aus dem Lager befreit worden waren, zogen sie nach Udine, wo Pierinos Eltern von Partisanen ermordert wurden. Von dort zogen sie weiter nach Meran.

Seit mehreren Jahren wohnt Pierino Herzenberg mit seiner Familie in dem von der Gemeinde Meran provisorisch errichteten Siedlungsplatz Sinich, wo mit ihnen noch weitere Familien, insgesamt etwa 30 Menschen, leben. Der Siedlungsplatz ist klein, er umfaßt circa 1500 Quadratmeter. Sanitäre Anlagen sind vorhanden, allerdings nicht in ausreichender Menge: ein Klo für 30 Personen. In nächster Zukunft wird das Areal verbaut (die Geröllmaschine und die Lkws, dieständig Bauschutt auf- und abladen, verursachen tagsüber einen oft ohrenbetäubenden Lärm), und der Siedlungsplatz muß geräumt werden. Was wird aus den Sinti-Familien, die dort leben?

Heute wollen sie nicht mehr wegziehen, denn sie haben in Meran eine neue Heimat gefunden, sie alle sind katholisch getaufte Christen, ihre Toten sind am Friedhof von Niederlana begraben. Außerdem wollen sie ihren Kindern einen geregelten Schulbesuch gewähren. Zur Zeit besuchen an die 14 Kinder italienische Schulen in Sinich bzw. Meran. Nach anfänglichem Mißtrauen werden die Kinder inzwischen weitgehend akzeptiert, obwohl es außerhalb der Schule nach wie vor keine Kontakte zu den MitschülerInnen gibt. Die Sippe der Herzenberg fordert einen sicheren Siedlungsplatz mit den dazugehörenden sanitären Einrichtungen. Sie wollen in Meran bleiben. Bis jetzt ist man dieser Forderung nicht nachgekommen.

aus: FF 51/1993


oben- DIE GABRIELLI - EINE MUSIKERFAMILIE

Die Gabrielli sind eine der bekanntesten Sinti-Familien Südtirols. Eigentlich stammen sie aus Österreich und gehören zur verbreiteten Gruppe der "Estrekarja"-Sinti. Damals hießen sie noch Adelsburg. Dann mußten sie ihren Namen ändern, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten und durch die Faschisten zu entgehen. "Trotzdem wurde mein Vater verhaftet", erzählt Alessandro Gabrielli, genannt "Neves", heute der Patriarch der Familie, "und in ein Internierungslager in Neapel gebracht. Man hielt ihn für einen antifaschistischen Intellektuellen, weil er so feine Hände hatte und die Ausstrahlung eines noblen Herrn. Dabei war er ja Musiker. Schließlich konnte er aus dem Lager fliehen und zog mit der ganzen Familie mit einem Eselskarren gegen Norden. Wir lebten von der Musik. Zuerst spielten wir für die italienischen Soldaten, dann auch für die Alliierten. Auf beiden Seiten der Front gefiel unsere Musik.

In Südtirol wurden wir gut empfangen, es ging uns besser als den meisten Zigeunern heute", fährt Neves fort, "damals gab es noch wenig Zigeuner in Südtirol, aber mehr Armut, mehr Leute aus dem Süden, die eben angekommen waren. Man lebte bescheiden. Mein Instrument lernte ich von meinem Vater. Mit sechs Jahren begann ich Violine zu spielen. Ich brauchte keine Kurse, weil zuhause alle ein Instrument spielten und sangen. Wir spielten auch Theater, meistens Komödien mit viel Musik zwischendurch. Wir spielten überall, auf Straßen, Plätzen, in Gasthäusern, auf Festen. Bis vor wenigen Jahren lebten wir noch ganz gut von der Musik. Wir wollten die Leute unterhalten. Die Wirte waren erfreut, wenn sie uns Abende lang engagieren konnten. So zogen wir durch ganz Italien. Heute ist es schwieriger, auf öffentlichen Plätzen zu spielen. Bald kommt die Polizei, überall braucht man eine Genehmigung, alles ist komplizierter.

Wir haben auch zwei Kassetten mit unserer Musik aufgenommen mit dem Titel: "Sinti-Musik aus Südtirol". Das hat uns acht Millionen Lire gekostet. Vor 7-8 Jahre hörte mich ein großer italienischer Produzent auf einem Fest und schlug uns gleich vor, eine Platte aufzunehmen. "Ich werde euch berühmt machen!" sagte er und wollte sofort einen 2-Jahres-Vertrag abschließen. Aber ich hätte mich für zwei Jahre verpflichten müssen, für Aufnahmen, Konzerte, Tourneen usw. Da sagte ich nein und unterschrieb nicht. Auch in Frankreich wollte mich ein bekannter Produzent und Schauspieler für eine Plattenproduktion engagieren. Ich lehnte ab, weil ich meine Familie für Monate hätte verlassen müssen. Es liegt mir eben nicht, mich in Abhängigkeit zu begeben. Wir Sinti sind eben so. Das ist unser Charakter. Wir können uns nicht für so lange Zeit verpflichten, obendrein weit weg von unseren Familien."

Heute lebt Neves mit seiner Familien in Brixen. Er hat zehn Söhne und Töchter und dutzende Enkel. Schon seit zehn Jahren leben die Gabrielli im Süden der Brixner Gewerbezone, in Frieden mit ihren Nachbarn. "Nur die Polizei kommt immer wieder, als ob wir gefährliche Kriminelle wären", sagt Neves ärgerlich, "sie kommen, um uns zu kontrollieren oder sie beobachten uns stundenlang vom Bahndamm da oben. Warum eigentlich? Gehen die Carabinieri etwa in Häuser von ganz unbescholtenen Bürgern um ohne Verdacht Kontrollen durchzuführen? Mein Sohn z.B. wurde gerade wieder mal von der Polizei aufgehalten, zunächst höflich und korrekt. Kaum hatte die Streife aus dem Führerschein gesehen, daß er ein Sinto war, wurden sie ausfällig und durchsuchten das ganze Auto genauestens, als wäre er Bandit."

Solche Erlebnisse erzählt Neves noch reihenweise. Der Stellplatz, wo die Gabriellis heute leben, ist klein, aber fein. Zwei Holzhäuser, WCs und Duschen, große Wohnwagen, neue Autos davor, gepflegte Grünflächen und Pflanzen. Ganz anders als die Barackensiedlung in Bozen-Süd. Den Gabriellis paßt es hier, obwohl die Bahn daneben recht laut ist. Wenn die Gesundheit es erlaubt, wird Neves auch weiterspielen, mit seinen Söhnen und Enkeln.



PRESSEBERICHTE

Heimstatt für Zigeuner in Brixen
Lagerplatz im Süden der Stadt eingeweiht - Gelungenes Modell der Integration

Dolomiten, 13. Dezember 1994


Dolomiten, 19. Dezember 1994


Dolomiten, 2./3. September 1995

Die Antwort liegt am Straßenrand
Barackenlager Bozen-Süd: Leben zwischen Müll und Ratten, Vergessen und Hoffen

Dolomiten, 19./20. November 1994



oben- SINTI UND ROMA IN EUROPA HEUTE
Es ist schwierig festzustellen, wieviele Roma und Sinti heute in Europa leben. Realistische Schätzungen kommen auf etwa 10 Millionen. In fast allen Ländern gibt es zumindest kleine Gruppen von Sinti und Roma. Mehr als die Hälfte davon lebt in südosteuropäischen Ländern wie Rumänien, Bulgarien, dem ehemaligen Jugoslawien und Mazedonien sowie in der Slowakei und in Ungarn. In Westeuropa weist Spanien anteilsmäßig die größte Zahl Roma auf. Schon die beachtliche Zahl der europäischen Roma macht deutlich, daß die Mehrheit der Roma keine Nomaden, sondern in der Regel seßhafte Menschen sind. Die Bedingungen, unter denen die Roma leben müssen, haben sie zu sozialen Außenseitern gemacht, denen die Mehrheitsbevölkerung mißtrauisch gegenübersteht. Die zunehmende Diskrimierung der Roma in einigen osteuropäischen Ländern hat zu neuen Wanderungswellen der Roma vom Osten in den Westen unseres Kontinents geführt.

In den verschiedenen Ländern Europas gibt es erhebliche Unterschiede in den Lebensumständen der Roma. So hat sich die Lage der Roma in Schweden in den letzten Jahren erheblich verbessert: sie haben Zugang zu Wohnungen, Ausbildung und Arbeitsmarkt. Die Lage der 600.000 Roma in der Slowakei hat sich dagegen verschlechtert. Sie leben in ghettoartigen Kolonien, ohne soziale Selbstvertretung und politischen Einfluß. Die Roma in Italien lebten jahrhundertelang in einer relativ guten Beziehung zur bäuerlichen Bevölkerung. Durch die Industrialisierung und Landflucht wurde ihnen die wirtschaftliche Basis entzogen. So sind die Roma Italiens häufig von Sozialhilfe und Bettelei abhängig. Während die industrielle Gesellschaft insgesamt immer mobiler wird, versuchte man meist, den noch umherreisenden Teil der europäischen Roma irgendwie seßhaft zu machen.

Im folgenden ein kurzer Überblick über die verschiedenen Länder.

WESTEUROPA

DEUTSCHLAND
Etwa 70.000 Sinti und Roma leben heute in Deutschland, wenige davon in den neuen Bundesländern. Wenn sie auch die vollen staatsbürgerlichen Rechte besitzen, so wirken sich doch bis heute Ausgrenzung und Verfolgung in ihrem Leben aus. Sie fühlen sich aber als eine "angestammte" Minderheit in der deutschen Bevölkerung, da sie seit Jahrhunderten hier leben. Allerdings haben die Sinti und Roma nie eine echte Wiedergutmachung für den an ihnen begangenen Völkermord durch das Naziregime erfahren. Entgegen mancher Vorurteile haben die Sinti-Familien im gleichen Maße feste Wohnsitze wie die übrige Bevölkerung. Zum Teil leben die deutschen Sinti und Roma in sehr integrierten Verhältnissen und in guter Nachbarschaft mit der deutschen Mehrheitsbevölkerung. Ein anderer Teil wird immer noch auf die Baracken und Wohnwagenplätze am Stadtrand abgedrängt.
Ende der 70er Jahre traten die deutschen Sinti an die Öffentlichkeit, um ihre Anliegen selbst zu vertreten. 1982 wurde der "Zentralrat Deutscher Sinti und Roma" gegründet. Dieser versteht sich als Bürgerrechtsorganisation und Verhandlungspartner, der die Anliegen dieser Minderheit gegenüber den staatlichen Behörden und gesellschaftlichen Institutionen vertritt. Die Selbstorganisation der Sinti und Roma war wesentlich für die Durchsetzung sozialer Fortschritte.

ÖSTERREICH
In Österreich leben nur mehr 16.000 Sinti und Roma (die inzwischen eingewanderten Flüchtlinge nicht gerechnet). 11.000 Sinti und Roma haben den Nazi-Terror nicht überlebt. Die wenigen aus den KZs und aus dem Exil zurückgekehrten Roma wurden, wie stets, an den Rand der Städte und Dörfer gedrängt. Man kann drei Gruppen unterscheiden: die Sinti an den Rändern der Städte Wien, Wiener Neustadt, Linz, Salzburg und Villach, die burgenländischen Roma und eine Gruppe von Lovara, die in Wien überwiegend als Teppichhändler leben. Hinzu kommen noch Roma-Gastarbeiter aus dem ehemaligen Jugoslawien, die sich meist nicht als Roma zu erkennen geben. Diese Gruppen sprechen untereinander meist Deutsch, da sich ihre Dialekte beträchtlich voneinander unterscheiden.
Seit 1993 sind die Sinti und Roma in Österreich als Volksgruppe anerkannt. Trotz dieser offiziellen Anerkennung stoßen sie in ihrem Alltag nach wie vor häufig auf Ablehnung und Ausgrenzung.

SCHWEIZ
In der Schweiz leben nur mehr rund 5000 Sinti und Roma. Hier werden sie oft auch "Jenische" genannt. Als schweizerische Besonderheit ist die staatlich geförderte Organisation "Pro Juventute" zu nennnen, die bis 1973 Zigeunerkinder gewaltsam entführte, um ihnen eine "ordentliche" Erziehung zukommen zu lassen. Über vierzig Jahre lang war diese Organisation aktiv und entfernte in dieser Zeit rund 700 Kinder von ihren Eltern. Seit 1973 wurde diese Tätigkeit eingestellt; die Organisation wurde allerdings nie zur Rechenschaft gezogen. Im Film "Kinder der Landstraße" des Schweizer Regisseurs Urs Egger wird dieses Thema behandelt.

FRANKREICH
Die knapp 300.000 Roma Frankreichs bezeichnen sich meist als "manouches", aber auch als Kalé oder Jenische. Die Franzosen nennen sie "Gitanes" oder "Tsiganes". Roma sind seit 1419 in Frankreich erwähnt. In Frankreich fühlen sich viele Gitanes diskriminiert. Wegen fehlender Wohnwagenstellplätze können Kinder nicht zur Schule gehen, woraus auch der Verlust des Kindergeldes resultiert.

SPANIEN
Die "Gitanos" (Kalè) in Spanien sind noch immer rechtlose Menschen. 500.000 Roma leben in Elendsquartieren am Rande der Städte, haben kein Wahlrecht und keinen Anspruch auf Sozialhilfe. Sie gelten als Gewohnheitsdiebe. Übergriffe der "Guardia civil", der spanischen Polizei, sind nicht selten. Erste Schulprojekte sollen nun helfen, die Analphabetenquote von 80 % zu senken.

GRIECHENLAND
In Griechenland wird den 50.000 muslimischen "Zigeunern" noch immer die Staatsbürgerschaft vorenthalten. Die orthodoxe Kirche möchte sie auf diese Weise zur Taufe zwingen. Das Umherziehen wird erschwert, weil die Roma nur auf organisierten Campingplätzen wohnen dürfen, allerdings nicht auf denen für Touristen. Für seßhafte Roma wurden dagegen etliche Siedlungen gebaut und in Athen kommunale Wohnungen zur Verfügung gestellt.

SCHWEDEN UND DÄNEMARK
Schweden, Göteborg 1964 "Tattare" und andere Fahrende genießen in Schweden vergleichsweise großen Schutz. Seit 1979 gibt es Schulen, in denen Romanes gesprochen wird. Die Dänen nennen die umherziehenden, oft aus verschiedenen Gemeinschaften bestehenden Gruppen "Taterne". Diese Gruppen richten sich nur selten an ein und demselben Ort ein; in manchen Fällen bleiben sie dort, wo man ihnen günstige Aufnahmebedingungen ermöglicht. Wie in zahlreichen anderen Ländern Europas erließ der dänische Staat strenge Verbote für die umherwandernden Taterne. Mehr als die Hälfte der 1.200 dänischen Taterne wohnt in der Stadt Helsingor.

GROSSBRITANNIEN
Zigeunerfamilie in England, 1878Von den rund 90.000 Fahrenden (Travellers, zu zwei Dritteln Romanichal, also Roma) leben heute 62.000 in England, 9.000 in Wales, 17.000 in Schottland und 2.000 in Nordirland. 40.000 leben in Zelten oder Wohnwagen, alle anderen in festen Häusern. Nur wenige beherrschen noch das Romanes. Meist sprechen die Romanichal "pogadi Chib", eine Mischung aus Englisch und Romanes. Ähnlich verhält es sich in Schottland und Irland, wo die Landessprache - auch das Gälische - die Roma-Sprache durchdrungen hat.

OSTEUROPA
In Osteuropa bilden die Roma zahlenmäßig starke Minderheiten. In der tschechischen Republik und in der Slowakei erreichen die Roma etwa eine Million Menschen, in Bulgarien 750.000, in Ungarn 800.000 und ebensoviele in der ehemaligen UdSSR. Die Roma stellen also einen beachtlichen Prozentsatz der Bevölkerung der ehemaligen Ostblockstaaten dar. Einen nennenswerten politischen Einfluß konnten sie in den Zeiten des Sozialismus allerdings nicht geltend machen. Sie konnten ihre Kultur nicht öffentlich leben und waren als ethnische Gruppe nicht anerkannt.
Die rund 7 Millionen Roma Osteuropas hoffen nach dem Niedergang des Sozialismus auf bessere Zeiten und mehr Rechte. Zwar durften sie Vereine und politische Parteien gründen, zwar sitzen einige ihrer Vertreter in Parlamenten, ihre soziale und wirtschaftliche Lage aber hat sich inmitten von Nationalitätenkonflikten und Wirtschaftskrisen eher verschlechtert. In einigen Ländern ist es sogar bis zu Pogromen, also Gruppenverfolgungen, gekommen. Dies erklärt auch die neuen Wanderungswellen in den Westen.

RUMÄNIEN
Vor dem 2. Weltkrieg waren es noch eine Million Roma gewesen, die sich zu ihrer Identität bekannten, 1992 nur mehr 409.000. Warum viele ihre Identität verleugneten, wurde nach dem Fall des Ceausescu-Regimes deutlich. Der Rassismus gegen die Roma ist mit dem Wiederaufleben eines aggressiven Nationalismus offen ausgebrochen. Neofaschistische Gruppen wollen die Roma zur Zwangsarbeit verpflichten. Faschistische Zeitschriften forderten: "Man muß mit den Zigeunern dasselbe machen, was Antonescu mit ihnen gemacht hat". Der Verbündete Hitlers hatte deren "Ausmerzung" angeordnet. In der Tat kommt es in Rumänien heute immer wieder zu Pogromen. Die Roma haben nicht nur die schlechtesten Wohnbedingungen, sondern auch kaum Ausbildungsmöglichkeiten. Sie sind die ersten, die entlasssen werden und die letzten, die Arbeit finden. Mehr als 100.000 verließen allein 1992 das Land in Richtung Deutschland.

POLEN
In Polen leben heute noch 20.000 bis 50.000 Roma. Die sozialistische Regierung versuchte früher die Roma seßhaft zu machen. Dies gelang nur bei etwa einem Viertel, weil sich die Roma ihre ethnische und kulturelle Identität nicht nehmen lassen wollten. Roma gehören auch in Polen zu den sozial Schwachen. Es kommt zu Hetzjagden gegen sie, weil sie für die schlechte wirtschaftliche Situation verantwortlich gemacht werden.

TSCHECHIEN UND SLOWAKEI
In Tschechien und der Slowakei gibt es noch immer große "Zigeunerkolonien". Bis zu 500.000 Roma leben heute in der Slowakei. Zwar besaßen die Roma früher die tschechoslowakische Staatsangehörigkeit, aber sie waren als nationale Minderheit nicht anerkannt. Der sozialistische Staat versuchte sogar eine Zeit lang, Roma-Frauen zwangsweise zu sterilisieren. Heute überfallen öfters rechtsradikale Skinheads die Romasiedlungen. Der Roma-Parlamentarier Emil Scuka beschreibt die Situation so: "Die Tschechen können die Slowaken nicht leiden, die Mähren die Slowaken nicht und nicht die Tschechen. Sie haben nur eines gemeinsam: alle hassen die Zigeuner".

UNGARN
Die nach dem Fall des Kommunismus in Ungarn durchgeführte Landreform brachte den 800.000 dort lebenden Roma nichts. Keine einzige Familie der ehemaligen Taglöhner erhielt Land zugewiesen. Viele ungarische Roma leben unter dem staatlich festgesetzten Existenzminimum. Tausende von ihnen wohnen am Stadtrand von Budapest in Wohnungen ohne fließendes Wasser und Strom. Rund 10.000 verdienen ihr Brot noch als Musiker. Obwohl die Roma mit 4% der Bevölkerung die größte ethnische Minderheit darstellen, erhielten sie keinen Listenplatz auf der Landesliste, die ein politisches Mandat zusichert und auf der alle anderen Volksgruppen einen Platz zugeteilt bekamen.

EHEMALIGES JUGOSLAWIEN
In Jugoslawien kämpften im 2. Weltkrieg viele Roma mit den Partisanen gegen die Faschisten. 120.000 kamen in den Lagern der kroatischen Ustascha-Faschisten um. Dennoch erkannte sie das sozialistische Nachkriegsjugoslawien nicht als ethnische Minderheit an. Vor dem Krieg lebten in ganz Jugoslawien rund eine Million Roma, häufig in sog. "Mahalas", Ghettos am Rande der größeren Städte. Das schlimmste existiert am Stadtrand von Skopje, der heutigen Hauptstadt von Mazedonien. 40.000 Menschen leben hier in Pappkartons und Wellblechhütten, ohne fließendes Wasser und Strom, ohne Kanalisation und medizinische Versorgung. Jedes zweite Neugeborene stirbt.
Im Krieg zwischen den ehemaligen Teilrepubliken scheinen die Roma zwischen den Stühlen zu sitzen. Menschenrechtsorganisationen berichten von "Zigeuner-Bataillonen", die an vorderster Front als Kanonenfutter herhalten müssen. Dementsprechend desertieren viele junge Roma-Wehrpflichtige und versuchen, sich in den Westen durchzuschlagen. In Kroatien wurden die meisten ansässigen Roma einfach bei Staatsgründung ausgebürgert, indem sie keine Staatsbürgerschaft erhielten. In Slowenien werden die Roma in der Ausübung ihrer politischen Rechte behindert. In Bosnien wurden sie während der serbischen Aggression genauso zur Zielscheibe von Massakern und Deportationen wie die moslemischen und kroatischen Bosnier.

EHEMALIGE SOWJETUNION
In den europäischen Ländern der ehemaligen UdSSR leben schätzungsweise 250.000 Roma. Am Anfang hatte die sowjetische Regierung die Roma als gleichberechtigte Bürger anerkannt und den Schutz ihrer kulturellen Eigenart zugesichert.
Zur Zeit Stalins wurden die Roma zwangsassimiliert. Das Nomadentum wurde verboten und die Roma wurden auf den verschiedenen Kolchosen angesiedelt. Das hatte zur Folge, daß es heute in diesen Ländern kaum noch größere geschlossene Roma-Siedlungen gibt. Auch nach der Regierungszeit Stalins wurde die Assimilierungspolitik fortgesetzt, denn der kommunistische Einheitsstaat duldete keine kulturelle Andersartigkeit. Über die konkrete Situation der Roma in den einzelnen Ländern der ehemaligen UdSSR ist allerdings wenig bekannt. Man weiß jedoch, daß es auch hier immer wieder zu tätlichen Angriffen und Überfällen von Seiten der Bevölkerung auf Roma-Gruppen gekommen ist.

STAATENLOSIGKEIT
Eine nicht kleine Gruppe von Roma zieht seit Jahrzehnten innerhalb Europas von Land zu Land. Sie fühlen sich keinem Land wirklich angehörig und verfügen auch nicht über Ausweispapiere. Vielen gelingt es nicht, ihre Staatenlosigkeit nachzuweisen. Die Behörden vermuten, daß sie trotz ihrer Aussage doch Staatsangehörige eines osteuropäischen Landes sind. Dies zu widerlegen, ist für die Betroffenen sehr schwierig. In Italien können diese Personen nur eine begrenzte Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Die Betroffenen leben also im Ungewissen und werden von den Behörden nur geduldet. Ein wichtiger Schritt wäre es, wenn den Roma ohne Staatsangehörigkeit ein längerfristiges Aufenthaltsrecht zuerkannt würde. Dann hätten sie zumindest die Möglichkeit, die Rechte der Staatenlosen in Anspruch zu nehmen und könnten sich an einem Ort ansiedeln.

Roma mit BärenTrotz unterschiedlicher Bedingungen in den einzelnen europäischen Ländern gibt es einige grundsätzliche GEMEINSAMKEITEN DER ROMA IN GANZ EUROPA:

WIRTSCHAFLICHE AUSGRENZÜNG: Die wirtschaftliche Entwicklung nimmt den Roma immer mehr Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten. Der Zugang zum Arbeitsmarkt ist ihnen mangels schulischer und beruflicher Ausbildung erschwert. Folgen: Abhängigkeit von Sozialhilfe und fortschreitende Verarmung.
GESELLSCHAFTLICHE DISKRIMINIERUNG: Die sozialen Vorurteile und Diskriminierungen gegenüber den Roma haben in jüngster Zeit nicht nachgelassen. Nicht nur übergriffe seitens der Polizei und Behörden, auch echte Menschenrechtsverletzungen sind im Ansteigen. Umsomehr stützen sich Roma auf ihre traditionellen Lebensformen und Familienstrukturen. Das verfestigt aber die Vorbehalte und das Mißtrauen bei der Mehrheitsbevölkerung.
POLITISCHE VERFOLGUNG: Die Auswirkungen der Massenvernichtung im Nationalsozialismus haben die Roma immer noch nicht überwunden. Durch die Ermordung so vieler Menschen wurde die Basis der Romagemeinschaften - die Familienstruktur - zerstört. Davon haben sich die Roma bis heute nicht erholt. Im totalitären Sozialismus wurde die Integration der Roma erzwungen. In jüngster Zeit werden in Sud- und Südosteuropa in einer sozialen und wirtschaftlichen Krisensituation die Roma zu Sündenböcken gemacht.
SELBSTBEWÜßTSEIN UND ORGANISATION: Die Roma versuchen zunehmend, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Ihr Organisationsgrad ist gewachsen. Doch gibt es noch viele interne Auseinandersetzungen und sehr wenig Organisation auf internationaler Ebene.

Verschiedene europäische Institutionen (EU, Europarat, KSZE) haben sich für die Verbesserung der Lage der Roma ausgesprochen. Doch die konkrete Umsetzung dieser Empfehlungen durch die europäischen Staaten läßt auf sich warten.


LEBENSWEISE UND KULTUR


oben- KULTUR UND LEBENSSTIL

Stellt den Fernseher aus", sagt Romeika; "ich erklär euch die Hände." Hanenka und Leana sehen einander an; sie sind wütend. Romeika sagt: "Ihr müßt unterscheiden. Manche von uns Frauen verstehen wirklich in den Händen zu lesen. Wohlbemerkt: In den Händen der Gadsche. Wir Roma sagen einander nicht wahr. Es entstünde zuviel Streit unter uns, wenn wir es täten. Andere Frauen gehen beim Handlesen von ihrer Einfühlung aus. Schließlich, was will wohl ein sorgenvoller Gadscho schon hören; und er soll ja bezahlen. Also müssen wir ihn auch bedienen.
Was mich betrifft, ich gehe beim Handlesen gern von einer gesicherten Grundlage aus. Deshalb, Hanenka, ist das Ausspionieren vorher so wichtig, die vertrauliche Unterhaltung. Jetzt sollte man allerdings das Patrin, die Zeichensprache beherrschen. Denn man muß ja beim Verlassen des Hauses der Wahrsagerin, ohne mit ihr gesehen zu werden, von seiner neu erworbenen Kenntnis berichten. Nun, Töchter, das üben wir noch.
Dann gibt es aber auch noch unser eigenes Wissen, was die Hände betrifft. Ich meine vor allem das Wesen der Finger. Beseht euch den Daumen. Er wendet sich ab von der Hand. Er ist ein Einzelgänger; er verläßt seinen Stamm. Alle seine Wege führen ins Unglück; besonders die Wege des linken. Es sei denn, dieser linke wird von der Hand eines Toten gelöst, der schon neun Tage im Grab liegt. Ein solcher Totendaumen leuchtet dem Dieb. Die Hausbesitzer versetzt er in ohnmächtigen Schlaf.
Der Zeigefinger ist fröhlich. Er ist der Finger des Glücks. Hütet euch, ihn zu verletzen. Fällt auch nur ein einziger Blutstropfen von ihm auf die Erde, saugen die Nivaschi, die Wassergeister ihn auf, und ihr werdet eines Tages ertrinken.
Der Mittelfinger ist der Finger der Toten. Muß ein Kind ohne ihn sterben, kehrt es als Vampir zurück. Aber auch wenn er einem toten Erwachsenen fehlt, hat der keine Ruhe im Grab. Höchstens, seine Verwandten haben ihm einen Mittelfinger aus Holz in den Sarg mitgegeben. Habt ihr jemand aus den Augen verloren und wollt wissen, wo er sich aufhält, laßt drei Blutstropfen des linken Mittelfingers auf den Nagel des rechten fallen. Aus der Beschaffenheit der entstehenden Flecke werdet ihr die Antwort erfahren.
Der Ringfinger ist unser Arzt. Umwickelt ihn bei Fieber mit einem roten Faden, und der Krankheitsschweiß tritt wieder in die Poren zurück.
Der kleine Finger ist vorlaut und stiehlt. Deshalb wird er auch Kaschkeraka, Elster genannt. Wir haben ihn, um kleine, aber wertvolle Gegenstände unauffällig verschwinden lassen zu können. Und nun, Leana, wiederhole mir das.

aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade. Berlin 1988, S. 54-55

Die Wurzeln der Sinti- und Romakultur liegen in Indien. Auf ihren jahrhundertelangen Wanderungen haben Sinti und Roma einige ihrer alten Bräuche und Glaubensvorstellungen bewahrt, gleichzeitig jedoch übernahmen sie viele Elemente anderer Kulturen, mit denen sie ständig in Berührung kamen. Es läßt sich also nicht von "der" Kultur der Sinti und Roma sprechen.
Zwei zentrale Elemente, das Nomadentum und das Streben nach Glück, resultieren aus ihrem Lebensstil und werden im folgenden Gedicht aufgegriffen:

Ich bin alt und müde, aber ich kann nicht bleiben
Zigeuner halten nur inne um zu sterben weil die Straße ihr Leben ist.
Auf der Straße kommen wir zur Welt, längs der Straßen leben wir, am Ende der Straße hol uns der Tod.
Das ist unser Leben, wir sind arm, aber glücklich
wir sind reich wenn wir rings um ein Feuer sitzen und dem Klang der Violine lauschen.

Auch heute noch ist einigen Roma die ständige Seßhaftigkeit fremd, und so befinden sich manche von ihnen immer noch auf Wanderschaft, da sie das Stehenbleiben mit Sterben gleichsetzen. Eine Unterbrechung der Wanderung dient nur zur Rast.
Stärker als vielleicht bei anderen Kulturen ist bei vielen Zigeunern das Streben nach Glück ausgeprägt, wobei Glück für sie Gesundheit, Kinder, Liebe und Zufriedenheit bedeutet. Während Arbeit und Wohlstand in Westeuropa duch den Kapitalismus zur regelrechten Ideologie erklärt wurde, dient die Arbeit bei Sinti und Roma zum Broterwerb und der Sicherung elementarster Bedürfnisse. Auch das Streben nach Grundbesitz ist vielen Sinti und Roma fremd. Genausowenig kennen sie Krieg und den Wunsch nach Eroberung fremder
Gebiete. Sie halten nichts von Helden und Kriegern, und viele ihrer Sprichwörter, wie z.B. "Den Säbel führt, wer keinen Verstand hat" oder "Ein guter Krieger sät viel Unglück", weisen auf ihre negative Einstellung zum Krieg hin.
Insgesamt ist ihre Identität nicht so sehr an Besitz und einen Ort gebunden, wie wir es aus unserer Kultur kennen. Der zentrale Bezugspunkt ist für sie die Gruppe bzw. die Großfamilie.

oben- MAGIE UND MYTHOS
Im Unterschied zu den modernen, industrialisierten Völkern, bei denen sich ein rationales Weltbild durchgesetzt hat, finden sich bei den Roma noch Elemente einer magischen Denkweise, wie sie für viele Naturvölker kennzeichnend ist. Auch in unserer kulturellen Vergangenheit gibt es diese mythische Tradition, wie zahlreiche Sagen und Bräuche belegen; im Zuge der technischen Entwicklung wurde diese Tradition aber ausgelöscht. Bei den Sinti und Roma hat das magische Denken eine lange Tradition und spielt z. T. auch heute noch eine Rolle. In der Unterscheidung zwischen "schwarzem und weißem Zauber" oder "guten und bösen Geistern" wird eine weiteres Element der Denkweise ersichtlich: das Denken in Gegensatzpaaren.
Romafamilien Sämtliche Bräuche werden von den Begriffen "rein" und "unrein" geprägt, die mit dem Unterschied zwischen Leben und Tod identisch sind. Diese Vorstellung von "rein" und "unrein" bestimmt das Weltbild der Zigeuner. Sie bezieht sich auf fast alle Handlungen und Dinge und beeinflußt den Sprachgebrauch. So kann z. B. schon das Erwähnen des Wortes "Blut" Unreinheit zur Folge haben. Heilige und geistige Wesen, welche nach dem Glauben der Sinti und Roma den Himmel bewohnen, sind z. B. der Inbegriff von Reinheit, da sie mächtiger als die Menschen sind. Selbst der menschliche Körper wird in "rein" und "unrein" eingeteilt. Der Kopf ist rein, die Füße, welche ständig mit der Erde in Berührung kommen, gelten als unrein.
Die Kultur der Sinti und Roma ist vor allem die Kultur einer über Jahrhunderte verfolgten Minderheit. Abgrenzung und Schutz nach außen, sozialer Zusammenhalt und Verständigung nach innen sind ihre bestimmenden Faktoren. Außerdem handelt es sich um eine sehr dynamische Kultur, deren Kennzeichen und deren Stärke in der Anpassungsfähigkeit an die jeweiligen Bedingungen der Umgebung lag und liegt. Das kann gleichzeitig auch eine Schwäche sein. Wie in unserer Gesellschaft fanden auch bei den Roma im letzten Jahrhundert große Veränderungen und Umbrüche statt. Wegwerfgesellschaft, Konsumgesellschaft, Uniformierung der Gesellschaft durch Massenmedien - mit diesen Schlagworten wird häufig der Zerfall traditioneller Wertordnungen erklärt. Das gilt für uns genauso wie für die Roma und Sinti. Dort hat die Auflösung traditioneller Sippen- und Familienstrukturen allerdings schwerwiegendere Folgen, da die Familie als soziale Institution immer bedeutsamer war und weil die Alternativen und Zukunftsperspektiven für Zigeuner um vieles schlechter sind als unsere. Ein durchschnittlich geringerer Bildungsgrad, gesellschaftliche Vorurteile und ein daraus resultierendes Mißtrauen gegenüber der Gesellschaft auf Seiten der Zigeuner tragen zur Orientierungslosigkeit und Resignation vor allem bei jugendlichen Sinti und Roma bei.

Gako Koslowski liegt im Sterben. Gako ist der Älteste, er ist älter als Baba Tamara. Doch er hätte gerne noch länger gelebt. Niemand hat das Reisen, das Unterwegssein so sehr geliebt wie er mit seinen plattgelaufenen Füßen.
"Sei nicht unzufrieden", sagt Baba Tamara zu ihm; "schon gar nicht jetzt, wo die größte aller Reisen beginnt." Sie spricht es zu ihm, während sie ihn ins Freie tragen. Es hätte gegen die guten Sitten verstoßen, würde Gako Koslowski im Wohnwagen sterben. Weder Geburt noch Tod finden im Wohnwagen statt. Er soll unbefleckt bleiben von Blut und Verderben. Gako wird in die Mitte zwischen die Autos und Wagen gelegt. Kein Radio, kein Fernseher läuft. Alle Familien sitzen um ihn herum. Man unterhält sich. Man ißt, man trinkt, man raucht. Trauer, Bewegung, Kummer zeigt niemand. Der Sterbende soll noch einen vollen Zug Leben einatmen können. Und das Leben achtet nicht auf den Tod. Es tut, als ob es den Tod nicht kenne.
Aber der steht mann sucht große frau längst im Schatten bereit und stimmt verstohlen seine Gitarre. Schon der erste Takt läßt Gakos alten, ausgemergelten Körper erschauern. Und jetzt hat der Tod sich über ihn gebeugt. Dies ist die Melodie, die das Leben besiegt. Gako bäumt sich auf wie im Tanz. Dann fällt er zurück und erstarrt.
"Er ist tot", verkündet Baba Tamara.
Sofort fangen alle Versammelten an zu schluchzen, zu weinen, zu schreien. Männer und Frauen äußern den Schmerz auf vielerlei Weise. Es ist ja nicht nur Gakos Tod, den man betrauert. Man beweint auch gleich den eigenen mit. Selbst die Kinder scheinen Mitwisser zu sein, an ihren Tränen gemessen.
Die Lamentationen dauern bis tief in die Nacht. Irgendwo beginnt sich das Jammern und Klagen jedoch dann zu ordnen, und es werden rhythmische Sprechchöre draus, die die Verdienste des Toten benennen. Da Gako Koslowski eigentlich alle Zigeunertugenden in sich vereinigte, dämmert es schon, wie die ersten sich steif und fröstelnd erheben.
Schließlich hockt nur der Totenwächter noch neben dem Leichnam. Er hat sich mit dem Rücken gegen die Morgenbrise gedreht, um die Kerzenflammen zu schützen. In drei Tagen wird das Begräbnis stattfinden.

aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade. Berlin 1988, S. 116-117



oben- RELIGION
Religion und religiöse Bräuche spielen im Leben der Sinti und Roma eine wichtige Rolle. Je nach ihrem Aufenthaltsort gehören sie allerdings unterschiedlichen Religionsgemeinschaften an. So gibt es neben römisch-katholischen und griechisch-orthodoxen auch moslemische Roma. Während für die christlichen Roma Weihnachten und Ostern die höchsten Feiertage im Jahr sind, sind diese für die Moslems unter ihnen der "Bajram" und der "Kurban Bajram", der Opfertag, an dem die Hammel geschlachtet werden, deren Fleisch den Armen geschenkt wird.
Trotz unterschiedlicher Glaubensbekenntnisse gibt es einige Gemeinsamkeiten in den religiösen Vorstellungen der Zigeuner. Eine große Rolle spielt z. B. die Ahnenverehrung und der Glaube an wiederkehrende Totengeister (mulé).
Ein gemeinsamer hoher Feiertag, der sowohl für Moslems als auch für Christen gilt, ist der Georgstag am 6. Mai. Der Hl. Georg stellt für die Zigeuner einen Beschützer dar und zum Dank wird ihm dafür rituell ein Lamm geopfert. Die "Vasilica" (die Feier des Neujahrs) wird vor allem noch im ehemaligen Jugoslawien gefeiert. An diesem Tag wird ein Kuchen gebacken, in dem sich eine Silbermünze befindet. Jene Person, welche das Stück mit der Münze erhält, gilt als das "Glückskind" für das kommende Jahr.
Nennenswert unter den vielen Bräuchen sind auch die Feiern für die Göttin Bibijaka, welche auf die indische Göttin Durga zurückgehen. Die Zigeuner glauben, daß die Göttin in den Wäldern lebt und wie Gold strahlt, jedoch nur von wenigen Auserwählten gesehen werden kann.
Bibijaka, so die Roma, kann Gutes, aber auch Böses tun. So wird sie als Beschützerin verehrt, aber gleichzeitig auch als Unheilbringerin gefürchtet. Die Göttin Bibijaka wird im März geehrt, indem um einen mit Blumen und roten Bändern geschmückten Obstbaum gefeiert wird, da man sich den Baum als ihren Aufenthalt vorstellt. Das Festessen besteht aus Fisch, Reis und Bohnen. Die Feier beginnt mit dem Anzünden von Kerzen und Bittgesängen für Bibijaka. Der Zeremonienmeister verteilt das Essen und die Getränke an die Teilnehmer. Nach dem Essen gehen die Leute nach Hause, wo sie bis in die späte Nacht weiterfeiern.

Gina und Kukli sind einander versprochen. Dabei sind beide zusammen erst sechzehneinhalb. Kukli sagt: "Jeder Sinto braucht Frauen, die für ihn arbeiten gehn. Warum sollst du nicht meine erste Frau sein?"
Gina antwortet ihm: "Jede Sintizza will geehrt werden in ihrer Familie. Wenn ich nicht genug Kinder kriege von dir, nehme ich mir eben noch ein paar andere Männer."

aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade. Berlin 1988, S. 46

Es ist Morgen. Die Männer in den Wohnwagen strähnen sich gähnend das Haar und boxen sich ächzend noch mal das Kissen zurecht. Die Frauen bereiten sich aufs Findengehen vor. Sie rauchen und binden die Kopftücher um. Die Verheirateten knoten sie unter dem Kinn, die anderen im Nacken. Die Beutel und Säcke haben sie schon unter den bodenlangen Röcken verstaut. Denn Findengehen heißt mitnehmen wollen; mitnehmen wollen, was Wert hat. Und Wert hat alles, was schmeckt, schmückt, wärmt, verkäuflich ist oder Kaufen ermöglicht.
Zum Findengehen kann man auch Hausbettel sagen. Wohlwollende Gadsche setzen für Hausbettel Hausierhandel ein. Denn jede der Frauen schultert schließlich ihr Bündel. Jedes Bündel enthält schließlich Teppichbrücken, Wolldecken, Spitzen.
Es gibt auch Sinte-Frauen, die Spitze verkaufen. Das sind keine echten Zigeunerfrauen. Eine echte Sintizza verkauft nicht. Verkauf ist immer Verlust. Es sei denn, man verkauft, was man kann: Slava kann wahrsagen aus Kaffeesatz. Mara bespricht krankes Vieh. Romeika liest aus der Hand. Dikeli ist Meisterin im Kartenaufdecken. Morenka versteht sich auf Schwarze und Weiße Magie. Nina kann Teufel austreiben. Hana hört die Stimmen Gestorbener. Tina bannt Geister. Lele kann Erbschaften riechen. Weiberle betet mit Erfolg über Geld. Hucka hat heilende Hände. Levarka kräftigt ermüdetes Blut. Worscha läßt Warzen verschwinden. Margodscha geht gegen Unfruchtbarkeit an. Danka ahnt Wasseradern. Kaschkeraka weiß, wie man klug werden kann.
So reich sind die Frauen.

aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade. Berlin 1988, S. 26-27.



oben- DIE FAMILIE
RomafrauenDie Institution der Familie bildet den Mittelpunkt des sozialen Lebens der Sinti und Roma. Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist sehr stark ausgeprägt; durch eine feindliche Außenwelt erwies sich der familiäre Zusammenhalt als überlebenswichtig. Die Familie bot Sicherheit und Schutz, war aber auch ökonomische Einheit und Erziehungs- bzw. Lernstätte und vor allem der Ort der Identitätsbildung.
Die Familie hatte bei den Sinti und Roma deshalb mehr Aufgaben und Bedeutung als in unserer Kultur, weil bei ihnen öffentliche Institutionen wie Schule, Verwaltung und Staat fehlten, die bei uns viele Funktionen der Familie übernommen haben. Auch heute noch herrschen innerhalb der Familie strenge Regeln und Sitten.
Wer dagegen verstößt, z. B. durch Mord oder Sexualdelikte, muß mit dem Ausschluß aus der Sippe rechnen, was die schlimmste Strafe für Sinti und Roma bedeutet.
Alte Menschen und Kinder werden bei den Sinti und Roma hoch geschätzt. So werden alte Leute nicht in Altersheime abgeschoben - im Romanes existiert nicht einmal ein Wort für Altersheim. Eine Familie mit vielen Kindern gilt unter Sinti und Roma als Inbegriff von Glück und erhöht das Ansehen. Kinderlosigkeit gilt als großes Unglück, und oft werden solche Ehen auch geschieden. Vor diesem Hintergrund wird die Brutalität der Zwangssterilisierungen im Nationalsozialismus besonders deutlich. Der Nationalsozialismus hat zudem durch die Ermordung so vieler Sinti und Roma traditionelle Familien- und Gruppenstrukturen nachhaltig zerstört, woran die Betroffenen heute noch leiden.

DAS VERHÄLTNIS ZWISCHEN DEN GESCHLECHTERN
Das Romani kennt kein Wort für "Ehe" und "Familie". Bei der Heirat spricht die Frau: "lav rom" und der Mann: "lav romni", was soviel heißt wie "ich heirate". Daran zeigt sich, daß Roma früher nur untereinander heirateten. Die Eheschließungeninnerhalb desselben Stammes sind auch heute noch weit verbreitet und Teil der Roma- und Sintitradition. Auch heiraten die Roma und Sinti in der Regel relativ früh.
Die Ehe mit einem Nicht-Roma bedeutete früher in manchen Gruppen den Ausschluß aus dem Stammesverband. Dieser Brauch scheint auf den ersten Blick grausam, er entstand jedoch als eine Art Selbstschutz. Eine Frau konnte durch Kauf, Tausch oder manchmal auch durch Entführung erworben werden und wurde so als Besitz betrachtet, wenngleich Regeln und Vorschriften es verboten, sie als Eigentum zu behandeln. Der Kaufpreis wurde von den betroffenen Familien ausgehandelt. Den Kaufpreis für seine Tochter erklärte ein türkischer Rom so: "Jeder Mann braucht eine Frau, damit sie Kinder bekommt, kocht, auf dem Feld und im Haus arbeitet. Warum dafür kein Geld nehmen? Für meine eigene Frau mußte ich ja auch bezahlen."
Ein anderer Rom, der kein Geld für seine Tochter verlangte, begründete dies damit: "Wenn ich das tue, gehört sie ihm. Er kann sie schlagen. Ich will aber nicht, daß meine Tochter geschlagen wird. Sollte er das dennoch tun, so kann ich ihm meine Tochter wieder nehmen, weil sie ihm ja nicht gehört, da er nicht für sie bezahlt hat." Diese Heiratsbräuche sind für die Gegenwart allerdings nur mehr begrenzt gültig. Mädchen rebellieren gegen die strengen Traditionen und wollen sich ihren Ehemann selbst auswählen. Auch Ehen mit Gadschos sind in manchen Ländern keine Ausnahme mehr.

Der Mann ist das Oberhaupt der Familie, die Frau ist ihm untergeordnet, auch wenn sie in der Vergangenheit den Großteil des Familienaufkommens bestritt. Auch heute noch erfährt Frauenarbeit, und so auch die der Sinti- und Romafrauen, eine gesellschaftliche Abwertung oder wird nicht als eigentliche Arbeit anerkannt, da sie sich im privaten Bereich abspielt. Kinder gebären und sie erziehen, das Pflegen von kranken Verwandten, die Führung des Haushalts etc. (die sogennanten "reproduktiven" Arbeiten im Gegensatz zu den "produktiven") bleiben für die Gesellschaft meist "unsichtbar" und werden nicht entlohnt.
Traditionelle Aufgaben der Sinti-und Romafrauen sind das Wahrsagen und die Zauberei, die sie als Kinder von den Müttern erlernen. Viele Frauen gehen auch heute noch von Dorf zu Dorf, um den Menschen aus der Hand zu lesen, um so zum Unterhalt der Familie beizutragen. Auf die Frage, was sie denn den Leuten erzähle, antwortet eine Romafrau: "Ich erzähle ihnen, was sie gerne hören möchten - das lese ich in ihren Gesichtern - und bringe so ein wenig Hoffnung in ihren Alltag."
Das Weben, Spinnen und das Färben von Stoffen stellen weitere traditionelle Tätigkeiten dar, die jedoch nur noch in wenigen Ländern, wie z. B. in Indien, ausgeführt werden. Außerdem verrichten die Frauen auch schwere Feldarbeit oder verkaufen verschiedene Waren auf den Märkten. Durch die zunehmende Schulbildung, die jedoch noch vielfach von den ökonomischen Mitteln der Familie abhängig ist, bekamen einige Sinti- und Romafrauen in letzter Zeit die Möglichkeit, einen eigenen Beruf zu erlernen und so eine gewisse finanzielle Unabhängigkeit zu erreichen. Freilich handelt es sich hierbei nur um eine Minderheit der Sinti- und Romafrauen.
Insgesamt ist der Unterschied zwischen Mädchen- und Jungenerziehung wahrscheinlich nach wie vor ausgeprägter als in unserer gegenwärtigen Kultur. Vielfach werden die Kinder noch nach sehr traditionellen Geschlechtsrollen erzogen. Ein großes Problem stellt für die Roma-Frauen neben der mangelnden Ausbildung die Arbeitssuche dar - auch hier spielen die Vorurteile der Nicht-Roma eine entscheidende Rolle.
Viele Frauen nehmen deshalb Gelegenheitsjobs an, arbeiten im Tourismusbereich oder üben Berufe aus, für welche sie keine spezielle Ausbildung benötigen (Putzfrau, Aufräumerin,...).
Es gibt in letzter Zeit auch innerhalb der Roma Gruppen, die sich für die Gleichberechtigung der Frau einsetzen. Sie weisen auf die doppelte Benachteiligung der Roma-Frauen hin: einmal werden sie von der Mehrheitsgesellschaft als Zigeunerinnen diskriminiert und zum anderen innerhalb der eigenen Gruppe als Frauen benachteiligt. Sie fordern deshalb Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der Frauen und gleichzeitig die Anerkennung ihrer Identität als Roma.

oben- SCHULE
Sinti und Roma kamen Jahrhunderte ohne Schule aus. Sie lernten in der Familie und in der Gruppe, innerhalb derer das nützliche Wissen und die Geschichten mündlich weitererzählt und die handwerklichen und künstlerischen Fertigkeiten von den Älteren an die Jüngeren weitergegeben wurden.
Seit dem 18. Jhdt. spielte bei den Bestrebungen, die Zigeuner in die Gesellschaft einzugliedern, d. h. sie zu "erziehen" und anzupassen, die Schule eine zentrale Rolle. Die Schule begegnete den Zigeunern also als Unterdrückungsinstitution, deren Ziel es war, die Identität und die Geschichte der Sinti und Roma zu verdrängen. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß die Sinti und Roma der Schule sehr häufig mit Mißtrauen und Ablehnung gegenüberstanden.
Seit dem Ende des Zweites Weltkrieges haben in den industrialisierten Ländern tiefgreifende gesellschaftliche und ökonomische Veränderungen stattgefunden. Das traditionelle Wissen und die Kenntnisse der alten Zigeuner haben ihre Bedeutung verloren. Die Sinti und Roma wurden als Analphabeten von der modernen Bildungs- und Wohlfahrtsgesellschaft ausgeschlossen. Der Schulbesuch ist heute für die Sinti und Roma eine wichtige Voraussetzung, um aktuelle Probleme und Anforderungen bewältigen zu können.
Um im Regel- und Gesetzessystem der modernen bürokratischen Gesellschaft bestehen zu können, muß man lesen und schreiben können. Allerdings ist die Schule auch heute keine neutrale Institution. Sie vermittelt nach wie vor Normen und Werte der Mehrheitskultur, sodaß der Schulbesuch die Sinti und Roma vor eine Reihe von Problemen stellt.
Einerseits wird nämlich von staatlicher Seite das Recht und die Pflicht zur schulischen Ausbildung formuliert, andererseits wird aber sehr wenig getan, um auch den Zigeunern dieses Recht zu gewährleisten. Eine wesentliche Voraussetzung für einen kontinuierlichen Schulbesuch besteht in der Ausweisung und Einrichtung von fixen Lagerplätzen. Solange die Familien immer wieder von ihren Aufenthaltsorten polizeilich vertrieben werden, können sie den Kindern natürlich auch keinen regelmäßigen Schulbesuch zukommen lassen. Eine andere Möglichkeit wäre die Einrichtung von Wanderschulen für Zigeunersippen, wo die Lehrpersonen mit den Gruppen mitreisen.
RomaschulerinRomakinder Ein zweites Problem stellen die gängigen Unterrichtsprogramme dar, in denen die sprachliche und kulturelle Identität der Sinti und Roma unberücksichtigt bleibt. Schule kann für Sinti und Roma aber nur dann sinnvoll sein, wenn sie dort auch etwas über ihre eigene Geschichte und Kultur erfahren. Außerdem ist die Unterrichtssprache für die Romanes sprechenden Kinder eine Fremdsprache. Da das Romanes außerdem lange Zeit nur mündliche Sprache war und ohne schriftliche Norm, gibt es bis jetzt nur sehr wenige Versuche, Schulbücher im Romanes zu verfassen. Gleichzeitig wissen gerade wir in Südtirol, wie wichtig das Recht einer Volksgruppe auf den Unterricht in der Muttersprache ist.
Neben diesen institutionellen Hindernissen, gibt es für Sinti- und Romakinder auch soziale und psychologische Barrieren zu überwinden. Gesellschaftliche Vorurteile machen nicht an den Schultoren halt. Das Bild von den schmutzigen, diebischen und faulen Zigeunern verfolgt die Kinder bis in die Schule und macht es ihnen oft unmöglich, Freundschaften mit ihren Mitschülern zu schließen.
Trotz dieser Probleme fordern immer mehr Sinti und Roma das Recht auf eine ordentliche schulische Ausbildung ihrer Kinder, da sie eingesehen haben, daß nur dieser Weg zu einer Verbesserung ihrer Lage führt. Es ist also notwendig, sich Gedanken darüber zu machen, wie eine Schule aussehen müßte, in der auch Sinti- und Romakinder ihren festen Platz haben. Und diese Gedanken müssen wir uns alle machen, denn letztlich ist eine offenere und vielfältigere Schule für alle Schülerinnen und Schüler ein Vorteil - auch wir sind nicht alle gleich und habenunterschiedliche Bedürfnisse.

Die Älteren sind noch im Pferdehandel tätig gewesen. Heute handeln die Sinti mit Möbeln, Autos und Schrott. "Der Pferdehandel", sagt Papo Mihailo, "ist ehrenwerter gewesen. Denn immer war da der Fachmann gefordert. Wenn der Gadscho uns manchmal auch Roßtäuscher schalt. Capité; immerhin haben wir noch ein altes in ein junges Pferd zu verwandeln vermocht. Schrott aber", sagt Papo Mihailo, "bleibt Schrott. Ein Auto kannst du erneuern; verjüngen kannst du es nicht. Und wie sind wir auf unseren Pferden geritten!"
Papo Mihailo lügt. Noch nie hat ein Zigeuner sich nach einem Pferderücken gesehnt. Die Pferde hatten Wagen zu ziehen. Sie wurden verbilligt erworben und dreimal so teuer verkauft.
"Wobei man bedenken muß", sagt Papo Mihailo, "wie wir aber an so einem Tier auch gearbeitet haben: Erst mal, damit das Alter nicht ablesbar ist, die flach gekauten Zähne schartig gebrannt. Dann Stechapfelsaft in die Lefzen geträufelt. Was auch das dampfigste Pferd fürs erste wieder durchatmen läßt. Nun Pfeffer ins Futter, auf daß es sich prall säuft, das Tier. Und jetzt noch mit Schuh-Creme Glanzlichter gesetzt auf das räudige Fell. Die du jedoch mit Pferde-Urin anrühren mußt. Denn nach Salmiak darf das Pferd riechen, nach Schuhwichse nicht."
"Beim Verkauf allerdings ist Eile geboten. Denn so ein ältlicher Gaul", sagt Papo Mihailo, "kann oft das Wasser nicht halten. Und pißt er erst mal, verwandelt er sich im Nu in seinen ursprünglichen Zustand zurück. Da ist es dann angebracht, den Pferdemarkt schon seit einer Weile verlassen zu haben."

aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade. Berlin 1988, S. 23-24



oben- BERUFE
In ihrer Berufsausübung waren die Sinti und Roma notgedrungen immer sehr vielseitig und flexibel. Da sie in ihrer Geschichte immer von bestimmten Ausbildungs- und Gewerbezeigen ausgeschlossen blieben, waren sie gezwungen, sich wirtschaftliche Nischen zu suchen. Zu den traditionellen Berufszweigen der fahrenden Zigeuner gehörten:
a) das Wanderhandwerk, insbesondere die Bearbeitung von Metallen. Sie arbeiteten z. B. als Kesselschmiede, Pfannenflicker, Scherenschleifer, Schmuckhersteller, auch als Korbflechter, Löffelschnitzer oder Kammacher.
b) Handelsgeschäfte, vor allem Viehhandel. Einige Gruppen waren z. B. auch in der Pferdezucht sehr bedeutsam. Sie handelten aber auch mit einer Vielzahl von anderen Waren und nützten so ihr Unterwegssein für ihren Lebensunterhalt.
c) Unterhaltungsberufe, dazu gehören Musik, Tanz, Schaustellerei, aber auch Handlesen und Wahrsagen.

Eine Eigenart vieler Zigeunergruppen ist, daß sie ihre Berufe gemeinschaftlich ausüben und ihre Kenntnisse innerhalb der Gruppe vom Vater auf den Sohn und von der Mutter auf die Tochter weitergeben. Deshalb wurden auch viele Gruppen nach ihren Haupttätigkeiten benannt: z. B. Kalderasch (Kesselschmiede) oder Lowara (Pferdehändler).
Daneben arbeiteten Sinti und Roma auch oft als Saisonarbeiter in der Landwirtschaft.
Durch die industrielle Entwicklung ist die Nachfrage nach diesen traditionellen Tätigkeiten aber verschwunden. Zwar entwickelten sich z. T. einige neue Berufszweige wie z. B. der Handel mit Gebrauchtautos und Antiquitäten. Einige Sinti und Roma haben sich in der Unterhaltungsbranche professionalisiert und haben als Folkloregruppe einigen Erfolg. Insgesamt war und ist die Ausübung und die Gestaltung eines Berufes bei Sinti und Roma also von einer großen Flexibilität gekennzeichnet.
Wichtig dabei ist auch, daß genügend Freiraum für das soziale Leben (Familien- und Freundesbesuche etc.) bleibt. Aus diesem Grund steht der Großteil der Sinti und Roma in keinem abhängigen Verhältnis zu einem Arbeitgeber, sondern ist ständig bemüht, sich seine berufliche Unabhängigkeit zu bewahren.
Für einen großen Teil der Sinti und Roma hat der wirtschaftliche Strukturwandel, von dem sie ausgeschlossen wurden bzw. dem sie sich auch selbst entzogen haben, allerdings eine Situation der wirtschaftlichen und sozialen Misere und der Armut zur Folge.

oben- DIE BEDEUTUNG DER MUSIK
SintimusikerRomamusikerDie Musik gilt allgemein als der bedeutendste Bereich der Zigeunerkultur. Wer von uns kennt nicht die Bilder, auf denen die "tanzende Zigeunerin" oder ein Rom mit der Geige dargestellt werden? Man sagt, die Musik liege ihnen im Blut. Doch Roma kommen genausowenig wie Nicht-Roma mit einer musikalischen Begabung zur Welt, sondern müssen ebenso lange üben, um ein Instrument zu beherrschen.

Allerdings haben die Roma durch die Konfrontation mit den unterschiedlichsten Musikstilen gelernt, jede Art von Musik zu spielen. Außerdem lernen die Roma meist ohne Noten zu musizieren. Darüberhinaus traten die Zigeuner schon früh als Berufsmusiker auf. Daß sie sich für ihre Musik bezahlen ließen, bedeutete aber auch, daß sie sich musikalisch qualifizieren mußten. Das alles hat ihnen den Ruf als naturbegabte Musiker eingebracht. Obwohl die Musik also tatsächlich eine große Rolle spielt, nicht nur als Erwerbszweig, sondern auch für das soziale Leben innerhalb der Sinti und Roma, läßt sich nicht von einer einheitlichen Zigeunermusik sprechen, da ihre Musik von den musikalischen Traditionen des jeweiligen Gastlandes geprägt ist. Andererseits haben die Sinti und Roma durch ihre Wanderungen auch zahlreiche orientalische Instrumente in Südosteuropa bekannt gemacht und so ihrerseits die einheimische Musik beeinflußt.

oben- DIE SPRACHE
Romatanzerin Die Sprache der Sinti und Roma, das Romanes, stammt aus Indien und ist eng mit dem Sanskrit verwandt. Auch wenn durch die sprachlichen Einflüsse der unterschiedlichsten Gastländer die Dialekte der jeweiligen Zigeunergruppen beim ersten Hinhören grundverschieden scheinen und eine gegenseitige Verständigung unter verschiedensprachigen Roma oft nicht mehr möglich ist, so zählen trotzdem sämtliche Dialekte der Zigeuner zu einer Sprache. Der Großteil der Sinti und Roma ist zwei- oder mehrsprachig, was wiederum auf ihre Wanderungen durch verschiedene Länder zurückzuführen ist. Das Sprechen einer gemeinsamen Sprache verbindet. So ist es auch bei Sinti und Roma. Einerseits dient sie zur Identifikation mit der eigenen ethnischen Gruppe ("Wir-Gefühl"), andererseits zur Abgrenzung gegen außen, also Nicht-Roma. Dies kommt besonders gut im Begriffspaar "rom" und "gadzô" (sprich: gadscho) zum Ausdruck.
Bis zum Anfang des 20. Jhdts. gab es keine schriftlichen Selbstzeugnisse der Roma, da ihre Sprache bis dahin eine rein mündlich überlieferte war. Roma-Autoren schrieben in ihrer Zweitsprache. Erst durch die teilweise Alphabetisierung der Sinti und Roma begannen sie sich auch ihrer Schrift zu bedienen. Doch bis heute existiert keine einheitliche, standardisierte Sprache. Es besteht weiterhin ein Nebeneinander von verschiedenen Roma-Dialekten.
Zeitungen, die von Roma herausgegeben werden, sind zum Großteil in der jeweiligen Landessprache verfaßt. In einigen Ländern, wie z.B. in Schweden und im ehemaligen Jugoslawien, hat man in den letzten Jahren begonnen, Lehrbücher für die Unterstufe in Romanes herauszugeben. Dies stellt einen ersten Schritt für die Verwirklichung eines muttersprachlichen Unterrichts dar. Es wäre wünschenswert, wenn dieses Vorhaben auch in anderen Ländern realisiert würde, damit den Roma ihre Sprache erhalten bleibt.

oben- WIR WOLLEN SPRECHEN - DIE LITERATUR DER SINTI UND ROMA
Die Literatur hat als Form der kulturellen Auseinandersetzung mit Geschichte und Gegenwart zwar nicht die gleiche Bedeutung wie die Musik, trotzdem ist sie Ausdruck einer gemeinsamen kulturellen Identität der Sinti und Roma. Diese zeigt sich auch in einer bestimmten Gemeinsamkeit der Themen, die literarisch bearbeitet werden. Solche Themen, die sich als rote Fäden durch die Literatur ziehen, sind: die Verfolgungsgeschichte des Volkes, die Bedeutung der Musik, Bilder aus der Natur und der Begriff der Freiheit sowie der Bereich des Mythos und der Tradition.

RASIM SEJDIC
SIE HABEN DIE ZIGEUNERGEIGE ZERTRETEN
Sie haben die Zigeunergeige zertreten nur Zigeunerasche ist geblieben Feuer und Rauch steigen zum Himmel.
Sie haben die Zigeuner verschleppt die Kinder von den Müttern getrennt die Frauen von den Männern sie haben die Zigeuner verschleppt.
Jasenovac ist voll von Zigeunern gefesselt an Zementpfeiler schwere Ketten an Händen und Füßen auf den Knien im Dreck.
Ihre Knochen sind in Jasenovac geblieben, Zeugen der Unmenschlichkeit Die Sonne erhellt wieder den Himmel und wärmt die Zigeuner noch immer.

DAZISARDE ROMENGI VIOLINA
Gazisarde romengi violina acile ognjšite romane e jag o dimo ando ablako vazdinjalo.
Idzarde e Romen cavoren restavisarde de datar e romnjen pe romendar idzarde e Romen.
Jasenovco perdo Roma pangle pala betonse stubujra pale lantsujra pe prne pe va ando blato dzi ke cang.
Acile ando Jasenovco lenge kokala te pricin, o nemanišengim djelima zora vedro osvanisarda i Romen o kam pre tatarda.

DIE WAHRHEIT DER ZIGEUNER
Wo bleibt die Wahrheit der Zigeuner? Soweit ich mich erinnere ziehe ich mit dem Zelt durch die Welt suche Liebe und Zuneigung, Gerechtigkeit und Glück.
Ich bin auf der Straße alt geworden und habe keine echte Liebe gefunden. Ich habe das rechte Wort nicht gehört. Wo bleibt die Wahrheit der Zigeuner?

ROMANI ISTINA
Romani istina kaj si? Otkad ganav andar ma tsahrentsa po them pirav rodav ljubav te zagrljaj cacipe taj sreca.
Purilem e dromentsa ljubav ni maraklem caco. Caco alav ni asundem. Romani istina kaj si?

MARTA BANDYOVA
Schäme dich nie ein schwarzer Rom zu sein Was macht es schon wenn du ein schwarzer Rom bist Aus der schwarzen Erde sprießt das Korn für das weiße Brot Der schwarze Mann und die schwarze Erde passen zusammen.

Njigda tut ma ladza, kaj kalo Rom sal, sem oda njic, kaj kalo Rom sal. Pre kalji phuv o zuzodziv barol vas o parno maro. O kalo manuš the e kalji phuv paš peste achol.

UNSERE SPRACHE
Natarajah, der Herr des Tanzes gab unseren alten Vätern dort im Tal, wo der Indus fließt, die Laute, das von den Zigeunern geliebt Instrument. Viele Saiten sind aus Gold, und alle anderen darauf aus Silber, und alle singen wie im Sanskrit aber man hört aus der Melodie des Liedes einige persische oder armenische Wörter und die griechischen höre ich heraus, und dann die walachischen Wörter. Da gibt es ungarische und slawische... aber alle diese fremden Wörter vereinigen sich in der Sprache der Brahmanen. In der Sprache, dem einzigen Reichtum unseres Lebens.
Deshalb bewahrt sie, vergeßt sie nicht, Für unsere Kinder bewahrt sie!

AMARI CHIB
Nataradza, Khelibnàskro rày, Amaréé cirlatune dàdénge, Indo-len pre xár thabdéla kay, Bin dinas, kuc bašavdì, Roménge. But doryà isì suvnakuné. Si yavér pre láte rupuné, Sanskritíkes, gilabán saré. Ne šungol, sar 'dre gili andré. Si pars'tko, armenítko 'lav, Thay greekítka medothéé sunáv, Vare-k'y isì 'lavà vlaxìtka...
Ne saré yoné, vavré-theméngre, Sig bilòn 'dre chib le Bramanéngri, Chib, savì si yékh barvalipén, Kay isì amén 'dro dzivipén. Vaš 'dovrà raknén la, mà bistrén, Amaréé chavénge achavén!

MAUSO OLIMPIO CARI
TRÄUME AUS DER ZIGEUNERKINDHEIT
Ich erinnere mich an grüne Wälder Täler voller Träume der Kaffeeduft am Morgen das Knirschen der Räder beim Aufbruch der Wagen auf die lange Reise. Ich kenne den Wald ich kenne die Straße ich kenne die Freiheit.
Die Bäume und die Steine erzählten mir uralte Geschichten die Weisheit der Ahnen und der Wind flüsterte von fern Melodien aus der Musik der Zigeuner. Ich liebe den Wald ich liebe die Straße ich liebe die Freiheit. Der Kindeheitstraum ist für immer geschwunden Beton und Mauern und ein Berg von Häusern die einzige Straße bringt mich zurück. Warum nimmst du mir den Wald warum nimmst du mir die Straße warum nimmst du mir die Freiheit?

SUNE FAN TERNE GIPEN SINTENGRE
Dinkráo zénale ves tali fan suni smaka kafei kri tassárla kráchamen fan u radi quando vúrdia gíana weg an u lambsko drom. Bingeráo u ves bingeráo u drom bingeráo u fráiapen.
U ruk unt u bar sikresman vágane permísse v gane braucha.

aus: Sinti und Roma gestern und heute. Mirella Karpati (Hrsg.), Centro studi zingari, Gesellschaft für bedrohte Völker, Bozen 1994

Sprichwörter

Sprichwörter können einiges über Lebenseinstellungen und Wertvorstellungen von Gruppen aussagen. Deshalb hier eine Auswahl von Sprichwörtern der Sinti und Roma.

Wenn du weise sein willst, mußt du zuhören.
Wenn es regnet, bedecke den Kopf nicht mit einem Sieb.
Wenn dich ein Fliege stört, töte sie nicht, sondern entferne den Schmutz.
Welchen Nutzen hat ein Stern, wenn du ihn nicht anschaust.
Folgende Sprichwörter behandeln vor allem das Verhältnis zwischen Roma und Nicht-Zigeunern.
Ein lächelnder Gadscho ist seltener als eine eierlegende Kuh.
Wenn du überleben willst, mußt du ein Teufel sein.
Roma ertrinken in einer Pfütze.
Du bist ein Rom, und ein Gadscho ist ein Gadscho.

DER ARME ZIGEUNER
Es lebte einmal ein armer Zigeuner. Der ging jede Woche einmal zu den reichen Hausherren betteln.
Einmal kam er zu einer Witwe und bettelte um Brot; da sagte die Witwe: "Brot habe ich nicht gebacken, ich habe nur Weizen." Der arme Zigeuner sagte: "Gib mir also Weizen!" Die Frau ärgerte sich und sprach: "Da hast du Weizen!" und warf ihm ein Weizenkorn hin. Der Zigeuner steckte es in seine Tasche und ging weg. Die Witwe lachte, und der Zigeuner ging mit dem Weizenkorn zu einem anderen Hausherrn und sprach: "Lieber Hausherr, ich gebe dir ein Weizenkorn; behüt es mir, ich werde gleich zurückkommen." Als der Zigeuner wiederkam, hatte eine Henne des Herrn das Weizenkorn gefressen. Da sagte der Zigeuner: "Die Henne ist mein, warum hat sie mein Weizenkorn gefressen!" und der Herr mußte ihm die Henne geben. Der Zigeuner ging zum Nachbar und sprach: "Lieber Nachbar, ich gebe dir diese Henne, behüte sie, ich komme wieder zurück." Und als er wiederkam, hatte die Katze des Hausherrn die Henne gefressen. Der arme Zigeuner sprach: "Die Katze hat meine Henne gefressen, die Katze ist mein!" Und er ging mit der Katze fort, denn der Mann mußte sie ihm geben. Dann ging er zu einem anderen Herrn und sagte: "Lieber Herr, behüte meine Katze, ich komme gleich zurück." Als er wiederkam, hatte der Hund des Herrn die Katze zerrissen. Da sprach der Zigeuner: "Der Hund ist mein!" und ging mit dem Hunde fort. Der Zigeuner gab den Hund wieder einem anderen Herrn und sagte: "Lieber Herr, behüte meinen Hund, ich komme gleich." Als aber der Zigeuner kam, war der Hund tot. Ein Ochse des reichen Herrn hatte ihn tot gestoßen. Der Zigeuner sprach: "Mein ist der Ochse!" Der Herr mußte ihm den Ochsen geben, und der Zigeuner ging mit ihm weg. Und er kam zu einem reichen, sehr großen Herrn und sagte: "Lieber Herr, ich geb dir einen Ochsen, ich komme sogleich wieder." Als er wiederkam, hatte ein Pferd seinen Ochsen totgeschlagen. Der Zigeuner sagte: "Das Pferd ist mein!" und er ging mit dem Pferde weg. Da kam der König und nahm das Pferd des Zigeuners, denn sein eigenes Pferd war krank. Eilends ritt er auf dem Pferd des Zigeuners davon. Als der Zigeuner in die Stadt des Königs kam, war das Pferd krepiert und der König sagte: "Lieber Zigeuner, dein Pferd ist krepiert, aber ich gebe dir viel, viel Geld für dein totes Pferd." Und der König gab dem Zigeuner sehr viel Geld. So wurde er reich, und als er nach Hause kam, bettelte er nicht mehr, sondern lebte glücklich in einem sehr schönen Haus und heiratete die Witwe, die ihm damals das Weizenkorn gegeben hatte...

aus: Märchen der Zigeuner, hrsg. von Walther Aichele/ Martin Block, Reinbek bei Hamburg 1993

VERDAMMTER ZIGEUNER
Wieviele Zigeuner leben heute auf der Welt? Es gibt darüber keine Statistik, aber man schätzt ihre Zahl auf zwölf Millionen. Die vier großen Zigeunerstämme sind die Kalderash, die Machvaiya, die Churaria und die Lovara. Ihre gemeinsame Sprache ist Romanes, die ältere und reinere Form der Zigeunersprache. Die Stämme haben ihre eigenen besonderen Sitten und religiösen Bräuche, Stammesgesetze und zeremonielle Riten. Von allen Zigeunerstämmen sind die Kalderash oder Kupferschmiede die wahren Weltnomaden. Aufder Suche nach Arbeit ziehen sie umher und fühlen sich in keinem Land zu Hause. Manche haben gültige Pässe von sechs verschiedenen Ländern.
Andere Zigeunergruppen konzentrieren sich auf bestimmte Gebiete wie die Romanitchels in England, die Sinti-Stämme in Westeuropa und die Gitanos in Spanien. Sie bilden keine kulturelle Einheit mit den Zigeunern der großen Stämme der Rom, sondern haben die Nationalität und viel von der Kultur ihrer Gastländer angenommen. Die größte Stärke der Zigeuner ist ihre Unsichtbarkeit. Fast überall passen sie sich äußerlich ihrer Umgebung an, die Männer tragen konventionelle Kleidung und arbeiten gewöhnlich in einem konventionellen Gewerbe, als Automechaniker, Karosseriebauer oder Anstreicher. Manche sind Händler, andere Musiker oder Artisten. Jeder Zigeuner strebt danach, selbständig zu sein, und wird nur selten eine Ganztagsarbeit in einer Fabrik oder in einem Büro annehmen.
Obwohl die Menschen meines Volkes ständig arbeiten, werden nur wenige von ihnen reich. Sie ziehen es vor, als Selbständige in Freiheit und menschlicher Würde so zu leben, wie ein Rom nach dem Gesetz der Zigeuner leben soll. Zigeuner haben eine solche Abneigung gegen umfangreiche Habe, daß sie sich meist weigern, mehr als ein Exemplar einer bestimmten Sache zu erwerben: einen Anzug, einen Hut, ein Paar Schuhe und eine Frau. Sie kaufen selten Grundbesitz und leben lieber in gemieteten Wohnungen. Wenn sie ein wenig Kapital zusammenbekommen, kaufen sie dafür gewöhnlich Gold, das sie für Notfälle aufbewahren. Unsere Frauen sind unsere Zigeunerbank, sie tragen dieses Kapital in Form von galbi oder Goldmünzen an einer Kette um den Hals oder sie nähen es in ihre Rocksäume ein.
Gesellschaftlich bleiben die Zigeuner völlig von ihrer Umwelt getrennt. Sie machen Gebrauch von dem, was nützlich ist - Telefone, Kühlschränke, Autos und Tonbandgeräte -, doch sie lehnen ab, was ihnen nicht paßt: Nationalismus, Politik, Religion, Rassismus, Statussymbole. An politischen Bewegungen, Bürgerinitiativen und Vereinen nehmen sie nicht teil. Da sie nichts besitzen, kümmert sich der Staat meist wenig um sie. Ihre Namen wechseln sie in Ländern ohne Ausweispflicht so häufig wie ihre Wohnungen.
Im Hinblick auf Gesetze, die sie unterdrücken, halten es die Zigeuner mit einem spanischen Sprichwort - "sie werden geachtet, aber nicht eingehalten" Zigeuner wehren sich nie gegen eine gesetzesmäßige Autorität. Sie erklären sich einfach bereit zu tun, was man ihnen sagt, erkennen die Überlegenheit der stärkeren Partei scheinbar an und machen dann alles so weiter, wie sie es immer getan haben. Das nennt man auf Spanisch "talento" und auf Romanes "godi", und dieses "Talent" hat mein Volk befähigt, trotz aller Feindseligkeiten so viele Jahrtausende zu überleben. In römisch-katholischen Ländern sind wir fromme Katholiken , in den arabischen fanatische Moslems, in Spanien eifrige Anhänger des jeweiligen Regimes, und in Rußland schwören wir auf das kommunistische Ideal. Doch zugleich sind wir im Heiligtum unserer eigenen Zurückgezogenheit einfach Rom und Romni, und wir haben weiterhin shave, Kinder, die wir nach unserem Gesetz erziehen, nach Romania, einem strengen Code von Vorschriften, der von den Patriarchen aufgestellt wurde und dessen Einhaltung das kris-Romani, der Rat der Ältesten, überwacht. Von allen ungeschriebenen Geschichten ist die der Zigeuner die außergewöhnlichste. Unsere Musik, unsere Kunst, unsere Trachten werden uns gestohlen und in den Konzertsälen und Museen der Welt als spanisch, ungarisch, tschechoslowakisch, französisch und so weiter vorgestellt. Alles, was wir im Laufe der Jahrhunderte geschaffen haben, wurde uns genommen, und doch sind wir nach landläufiger Ansicht die "Diebe".
Wir sind die ältesten lebenden Nonkonformisten der Welt. Sind wir auch die letzten? Wir gehen zurück auf ein Nomadenzeitalter, in dem der Mensch als Gleicher unter Gleichen Besitzer und zugleich Förderer seiner Gesellschaft war. Der bedeutende französische Jesuit Père Chatard hat gesagt: "In der Nacht der Zeit waren alle Menschen Zigeuner". In der gegenwärtigen Dämmerung der Zivilisation, in der Tod und Angst und Haß uns immer mehr beengen, hat die Welt von den Zigeunern vielleicht noch einiges zu lernen, um zu überleben: Einfallsreichtum, Selbstgenügsamkeit, Mut und trotzige Freude.

Ronald Lee, geboren 1934 in Montreal, war kanadischer Delegierter im Internationalen Zigeunerrat in Paris.

(Quelle: Lee, Ronald: Verdammter Zigeuner, Roman, Basel 1978)

ZIGEUNER:
MYTHEN UND TATSAHEN, TRAUM UND WIRKLICHKEIT

oben- ZIGEUNERBILDER
(K)EIN LEBEN ZWISCHEN ROMANTISIERUNG UND DISKRIMINIERUNG

Jenö war mein Freund

Als ich Jenö kennenlernte, war ich neun; ich las Edgar Wallace und Conan Doyle, war eben sitzengeblieben und züchtete Meerschweinchen. Jenö traf ich zum erstenmal auf dem Stadion am Faulen See beim Grasrupfen; er lag unter einem Holunder und sah in den Himmel. Weiter hinten spielten sie Fußball und schrien manchmal "Tooooor!" Ich tat erst, als sähe ich ihn nicht, und rupfte um ihn herum; aber dann drehte er doch ein bißchen den Kopf zu mir hin und blinzelte schläfrig und fragte, ich hätte wohl Pferde.
"Nee" sagte ich, "Meerschweinchen".
Er schob sich den Grashalm in den anderen Mundwinkel und spuckte aus. "Schmecken nicht schlecht."
"Ich eß sie nicht" sagte ich; "dazu sind sie zu nett". "Igel" sagte Jenö und gähnte, "die schmecken auch nicht schlecht."
Ich setzte mich zu ihm. "Igel?"
"Tooooooor!" Jenö sah wieder blinzelnd in den Himmel. Ob ich Tabak hätte.
"Hör mal" sagte ich; "ich bin doch erst neun."
"Na und " sagte Jenö; "ich bin acht". Wir schwiegen und fingen an, uns leiden zu mögen. Dann mußte ich gehen. Doch bevor wir uns trennten, machten wir aus, uns möglichst bald wiederzutreffen.
Vater hatte Bedenken, als ich ihm von Jenö erzählte. "Versteh mich recht" sagte er, "ich hab nichts gegen Zigeuner; bloß..."
"Bloß?" "Die Leute " sagte Vater und seufzte. Er nagte eine Weile an seinen Schnurrbart enden herum. "Unsinn" sagte er plötzlich, "schließlich bist du jetzt alt genug, um dir deine Bekannten selbst auszusuchen. Kannst ihn ja mal zum Kaffee mit herbringen."
Das tat ich dann auch. Wir tranken Kaffee und haben Kuchen zusammen gegessen, und Vater hielt sich auch wirklich hervorragend. Obwohl Jenö wie ein Wiedehopf roch und sich auch sonst ziemlich seltsam benahm, Vater ging drüber weg. Ja, er machte ihm sogar ein Katapult aus echtem Vierkantgummi und sah sich obendrein noch alle unsere neu erworbenen Konversationslexikonbände mit uns an. Als Jenö weg war, fehlte das Barometer über dem Schreibtisch.
Ich war sehr bestürzt; Vater gar nicht so sehr. "Sie haben andere Sitten als wir" sagte er; "es hat ihm eben gefallen. Außerdem hat es sowieso nicht mehr viel getaugt."
"Und was ist" fragte ich, "wenn er es jetzt nicht mehr rausrückt?"
"Gott" sagte Vater, "früher ist man auch ohne Barometer ausgekommen."
Trotzdem, das mit dem Barometer, fand ich, ging ein bißchen zu weit. Ich nahm mir jedenfalls vor, es Jenö wieder abzunehmen.
Aber als wir uns das nächstemal trafen, hatte Jenö mir ein so herrliches Gegengeschenk mitgebracht, daß es unmöglich war, auf das Barometer zurückzukommen. Es handelte sich um eine Tabakspfeife, in deren Kopf ein Gesicht geschnitzt war, das einen Backenbart aus Pferdehaar trug.
Ich war sehr beschämt, und ich überlegte lange, wie ich mich revanchieren könnte. Endlich hatte ich es: Ich würde Jenö zwei Meerschweinchen geben. Es bestand dann zwar die Gefahr, daß er sie aufessen würde, aber das durfte einen jetzt nicht bekümmern; Geschenk war Geschenk.
Und er dachte auch gar nicht daran, sie zu essen; er lehrte sie Kunststücke. Innerhalb weniger Wochen liefen sie aufrecht auf zwei Beinen; und wenn Jenö ihnen Rauch in die Ohren blies, legten sie sich hin und überkugelten sich. Auch Schubkarrenschieben und Seiltanzen lehrte er sie. Es war wirklich erstaunlich, was er aus ihnen herausholte; Vater war auch ganz beeindruckt.
Ich hatte damals außer Wallace und Conan Doyle auch gerade die zehn Bände von Doktor Dolittle durch, und das brachte mich auf den Gedanken, mit Jenö zusammen so was wie einen Meerschweinchenzirkus aufzumachen.
Aber diesmal hielt Jenö nicht durch. Schon bei der Vorprüfung der geeigneten Tiere verlor er die Lust. Er wollte lieber auf Igeljagd gehen, das wäre interessanter. Tatsächlich, das war es. Obwohl mir war immer ziemlich mulmig dabei. Ich hatte nichts gegen Igel, im Gegenteil, ich fand sie sympathisch. Aber es wäre sinnlos gewesen Jenö da beeinflussen zu wollen und das lag mir auch gar nicht.
Er hatte sich für die Igeljagd einen handfesten Knüppel besorgt, der unten mit einem rauhgefeilten Eisenende versehen war; mit dem stach er in Laubhaufen rein oder stocherte auf Schutthalden unter alten Eimern herum. Er hat oft bis zu vier Stück an einem Nachmittag harpuniert; keine Ahnung, wie er sie aufspürte; er muß sie gerochen haben, die Burschen.
Jenös Leute hausten in ihren Wohnwagen. Die standen zwischen den Kiefern am Faulen See, gleich hinter dem Stadion. Ich war oft da, viel häufiger als in der Schule, wo man jetzt doch nichts Vernünftiges mehr lernte. Besonders Jenös Großmutter mochte ich gut leiden. Sie war unglaublich verwahrlost, das stimmt. Aber sie strahlte so viel Würde aus, daß man ganz andächtig wurde in ihrer Nähe. Sie sprach kaum; meist rauchte sie nur schmatzend ihre Stummelpfeife und bewegte zum Takt eines der Lieder, die von den Lagerfeuern erklangen, die Zehen.
Wenn wir abends mit Jenös Beute dann kamen, hockte sie schon am Feuer und rührte den Lehmbrei an. In den wurden die Igel jetzt etwa zwei Finger dick eingewickelt. Darauf legte Jenö sie behutsam in die heiße Asche, häufelte einen Glutberg über ihnen, und wir kauerten uns hin, schwiegen, spuckten ins Feuer und lauschten darauf, wie das Wasser in den Lehmkugeln langsam zu singen anfing. Ringsum hörte man die Maulesel und Pferde an ihren Krippen nagen, und manchmal klirrte leise ein Tamburin auf oder, mit einer hohen, trockenen Männerstimme zusammen, begann plötzlich hektisch ein Banjo zu schluchzen.
Nach einer halben Stunde waren die Igel gar. Jenö fischte sie mit einer Astgabel aus der Glut. Sie sahen jetzt wie kleine, etwas zu scharf gebackene Landbrote aus; der Lehm war steinhart geworden und hatte Risse bekommen, und wenn man ihn abschlug, blieb der Stachelpelz an ihm haften, und das rostrote Fleisch wurde sichtbar. Man aß grüne Paprikaschoten dazu oder streute rohe Zwiebelkringel darauf; ich kannte nichts, das aufregender schmeckte.
Aber auch bei uns zu Hause war Jenö jetzt oft. Wir sahen uns in Ruhe die sechs Bände unseres neuen Konservationslexikons an; ich riß die Daten der Nationalen Erhebung aus meinem Diarium und schrieb rechts immer ein deutsches Wort hin, und links malte Jenö dasselbe Wort auf Rotwelsch daneben. Ich habe damals eine Menge gelernt, von Jenö meine ich, von der Schule rede ich jetzt nicht. Später stellte sich auch heraus, es verging kein Tag, an dem die Hausbewohner sich nicht beim Blockwart über Jenös Besuche beschwerten; sogar zur Kreisleitung ist mal einer gelaufen. Weiß der Himmel, wie Vater das jedesmal abbog; mir hat er nie was davon gesagt.
Am meisten hat sich Jenö aber doch für meine elektrische Eisenbahn interessiert; jedesmal, wenn wir mit ihr gespielt hatten, fehlte ein Waggon mehr. Als er dann aber auch an die Schienenteile, die Schranken und die Signallampen ging, fragte ich doch mal Vater um Rat.
"Laß nur" sagte er; "kriegst eine neue, wenn Geld da ist." Und dann haben sie sie eines Tages doch abgeholt; die ganze Bande; auch Jenö war dabei. Als ich früh hinkam, hatten SA und SS das Lager schon umstellt, und alles war abgesperrt, und sie scheuchten mich weg.
Jenös Leute standen dicht zusammengedrängt auf einem Lastwagen. Es war nicht herauszubekommen, was man ihnen erzählt hatte, denn sie lachten und schwatzten, und als Jenö mich sah, steckte er zwei Finger in den Mund und pfiff und winkte rüber zu mir.
Bloß seine Großmutter und die übrigen Alten schwiegen; sie hatten die Lippen aufeinandergepreßt und sahen starr vor sich hin. Die anderen wußten es nicht. Ich habe es damals auch nicht gewußt; ich war nur traurig, daß Jenö jetzt weg war. Denn Jenö war mein Freund.

aus: Wolfdietrich Schnurre: Als Vaters Bart noch rot war, Zürich 1981<D>



Es gibt wahrscheinlich keine vergleichbare Gruppe, die einerseits so klein und ohne politischen und ökonomischen Einfluß ist und andererseits so zahlreiche Spuren in der Literatur, der Musik und der bildenden Kunst hinterlassen hat, wie die Zigeuner.
Wir meinen an dieser Stelle nicht die Kunstwerke, die die Sinti und Roma selbst in diesen Bereichen geschaffen haben. Diese tauchen in unseren Literatur- und Liederbüchern nicht auf.
Es geht an dieser Stelle um das BILD DES ZIGEUNERS in der Kunst und Kultur des NICHT-ZIGEUNERS. Wie läßt es sich erklären, daß den Zigeuner, mit denen die meisten Menschen im Alltag möglichst wenig zu tun haben wollen, in der Kunst und Kultur plötzlich ein so breiter Raum eingeräumt wird.
Denken wir nur an den Bereich der Musik: In der Oper "Carmen" verkörpert die Zigeunerin die leidenschaftliche Frau, die in ihrer Liebe keine Kompromisse eingeht. In zahlreichen Schlagern und Volksliedern erscheinen die Zigeuner als heißblütige Musikanten oder lustige und sorglose Gesellen, die frei im Wald leben. Auch in zahlreichen Gedichten, Romanen und Erzählungen wird die Ungebundenheit und Naturverbundenheit der Zigeuner angesprochen. Schließlich gibt es auch noch zahlreiche Gemälde von Zigeunergruppen (Zigeuner sind offensichtlich nie einsam) am Lagerplatz oder farbenfrohen Karawanen, die singend und musizierend über die Landstraßen ziehen.
Aber das Bild des Zigeuners begegnet uns nicht nur im Bereich der Kunst; auch im Alltag stoßen wir darauf. Im Restaurant verspricht die Speisekarte mit "Zigeunerspieß" und "Zigeunerschnitzel" besonders pikante Gaumenfreuden, die Bezeichnung "Zigeunerglut" auf der Rotweinflasche soll uns den Wein wohl noch schmackhafter machen und sogar als Zigarettenmarke läßt sich der Name verwenden; "Gitanes", die Zigarette, die Freiheit und Abenteuer verspricht.
Hier wird deutlich, daß unser Verhältnis zu den Zigeunern äußerst widersprüchlich ist. Auf der einen Seite bringen wir ihnen Verachtung entgegen und grenzen uns klar gegen sie ab, auf der anderen Seite dienen die Zigeuner (bzw. die Klischees, die wir uns zurechtgelegt haben) dazu, den Träumen und Sehnsüchten der bürgerlichen Gesellschaft Ausdruck zu verleihen.

In der Entwicklung unserer modernen Gesellschaft sind uns viele Dinge verlorengegangen. Der Preis für Fortschritt, Reichtum und erhöhtem Lebensstandard war der teilweise Verlust der Natur, mehr Kontrolle und weniger Freiheit, mehr Streß und weniger Zeit zum Nichtstun. Die wenigsten Menschen sind bereit, auf die Annehmlichkeiten und Anerkennungen, die unsere Gesellschaft bietet, zu verzichten. Gleichzeitig träumen aber sehr viele von einem ganz anderen Leben - einem freien, ungebundenen "Zigeunerleben".
Und die Zigeuner? Sie erkennen sich in den Bildern, die wir uns über sie gemacht haben und machen, wohl kaum wieder. Diese entsprechen natürlich in keiner Weise ihrem wirklichen Leben.
Dabei ist es gar nicht so leicht zu sagen, mit welcher Haltung den Zigeunern das größere Unrecht zugefügt wird, denn beide Verhaltensweisen gehören, obwohl sie verschieden sind, zusammen. Wir träumen von Dingen, die uns verboten sind, und gleichzeitig lehnen wir jene an, von denen wir glauben, daß für sie diese Verbote nicht gelten. Wir drängen die Zigeuner damit zwischen romantische Klischeevorstellungen und soziale Vorurteile - und lassen dabei keinen Raum für ein menschenwürdiges Leben der Sinti und Roma.

LUSTIG IST DAS ZIGEUNERLEBEN
Lustig ist das Zigeunerleben, faria, faria; brauch'n dem Kaiser kein Zins zu geben, faria, faria.
Lustig ist's im grünen Wald, wo des Zigeuners Aufenthalt. Faria, faria, faria, faria, faria.

Sollt' uns einmal der Hunger plagen, faria, faria, tun wir uns ein Hirschlein jagen, faria, faria.

Hirschlein, nimm dich wohl in acht, wenn des Jägers Büchse kracht. Faria, faria, faria, faria, faria.

Sollt' uns einmal der Durst sehr quälen, faria, faria, geh'n wir hin zu Waldesquellen, faria, faria, trinken das Wasser wie Moselwein, meinen, es müßte Champagner sein. Faria, faria, faria, faria, faria.

Wenn wir auch kein Federbett haben, faria, faria, tun wir uns ein Loch ausgraben, faria faria, legen Moos und Reisig 'nein, das soll uns ein Federbett sein. Faria, faria, faria, faria, faria.

Volkslied aus Niederschlesien

DIE DREI ZIGEUNER
Drei Zigeuner fand ich einmal, Liegen an einer Weide, als mein Fuhrwerk mit müder Qual, Schlich durch sandige Heide.

Hielt der eine für sich allein in den Händen die Fiedel, spielte, umglüht vom Abendschein, sich ein feuriges Liedl.

Hielt der zweite die Pfeif' im Mund, blickte nach seinem Rauche, froh, als ob er vom Erdenrund nichts zum Glücke mehr brauche.

Und der dritte behaglich schlief, und sein Cimbal am Baum hing, über die Saiten der Windhauch lief, über sein Herz ein Traum ging.

Dreifach haben sie mir gezeigt, wenn das Leben uns nachtet, wie man's verraucht, verschläft, vergeigt und es dreimal verachtet.

An den Kleidern trugen die Drei löcher und bunte Flicken, aber sie boten trotzig frei spott den Erdengeschicken.

Nach den Zigeunern lang noch schaun mußt' ich im Weiterfahren, nach den Gesichtern dunkelbraun, den schwarzlockigen Haaren.

Nikolaus Lenau

oben- SINTI UND ROMA IN DER PRESSE
Die Berichterstattung über Sinti und Roma und ihre Darstellung in der Presse, im Rundfunk und im Fernsehen ist ein wichtiger und zugleich sehr empfindlicher Bereich. Einerseits ist es wichtig, daß die Sinti und Roma als Gruppe dort einen Platz einnehmen und präsent sind, andererseits kommt es natürlich darauf an, auf welche Weise sie den ihnen zugedachten Platz ausfüllen.
Immer wieder protestieren Sinti- und Romaverbände gegen Diskriminierung in den Medien. Sie werfen ihnen vor, falsche Klischees zu verwenden und zu verbreiten oder in der Berichterstattung über bestimmte Ereignisse die ethnische Zugehörigkeit der Betroffenen in diskriminierender Weise zu betonen. Eine kritische und demokratische journalistische Arbeit sollte ihr Ziel vor allem darin sehen, Klischees zu korrigieren und Vorurteile abbauen zu helfen.
Dolomiten, November 1994

LESERBRIEFE
Die meisten Zeitungen bieten den LerserInnen Platz für ihre Ansichten zu verschiedenen Themen und Problemen und stellen so ein Forum für die gesellschaftlichen Meinungen dar.
Oft wird auch das Thema "Zigeuner" angesprochen. Wir stellen eine kleine Auswahl von Leserbriefen vor, ohne sie zu kommentieren, da sie selbst eine deutliche Sprache sprechen.
Einen Punkt möchten wir zu bedenken geben: Wenn in Leserbriefen eine bestimmte Person oder bestimmte Gruppen bzw. deren Meinungen angegriffen werden, dann besteht prinzipiell die Möglichkeit, eine Entgegnung oder eine Richtigstellung zu schreiben und diese in der selben Zeitung zu veröffentlichen.
Sinti und Roma können dieses Recht aber, aus Gründen, die euch inzwischen bekannt sein dürften, praktisch kaum in Anspruch nehmen.


SCHWARZE CHRONIK
Zeitungen berichten auch regelmäßig über Kriminalität und polizeiliche Gegenmaßnahmen. Auch in diesen Berichten kommen Sinti und Roma vor, allerdings bei weitem nicht so häufig, wie viele Menschen vielleicht vermuten.
Allerdings gibt es tatsächlich einige Auffälligkeiten, wenn die Täter, über die berichtet wird, keine "Durchschnittsbürger" sind, sondern z. B. Ausländer oder eben Zigeuner. Das wird dann oft besonders betont: nicht ein gewisser N. N. hat einen Diebstahl begangen, sondern der Marokkaner N. N. oder der Zigeuner N. N. Das scheint für die Leser wichtig zu sein. Oft wird der Name auch ganz weggelassen, so daß die Gefahr der Verallgemeinerung noch größer wird.


oben- ROM UND GADSCHO - BÜRGER UND ZIGEUNER
Gemütlich hier, nicht?Wir nennen sie "Zigeuner" und wissen wenig von ihnen. Wir glauben allerdings viel zu wissen. "Lustig ist das Zigeunerleben", singen wir, weil sie "dem Kaiser keinen Zins geben müssen" und sich immer "im grünen Wald aufhalten" können. In diesem Volkslied wird unser zwiespältiges Verhältnis zu diesen Menschen ersichtlich: Wir beneiden sie um ihre Freiheit und Naturverbundenheit, indem wir ihr Leben in romantischer Weise verklären. Auf der anderen Seite verachten wir sie aber auch, weil sie keinen festen Wohnsitz und keine geregelte Arbeit haben, weil sie sich nicht mit unserem Wohlstand messen können. Zu den Vorurteilen gegenüber Sinti und Roma gehört auch die Meinung, daß sie schmutzig sind, lügen und stehlen oder bestenfalls betteln. Welche Realität steckt hinter diesen verschiedenen Bildern?
Sie selbst nennen sich Roma, d. h. Menschen und bezeichnen uns als "Gadsche", was soviel heißt wie Fremde, Andere. Ihre Reaktion auf die jahrhundertelange Verfolgung und Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft ist die Abgrenzung. Sie wollen ihre Kultur und ihre Traditionen, ihre Sprache und ihre Wertvorstellungen behalten. Solange unter Integration in die Gesellschaft einfach blinde Anpassung verstanden wird, finden Sinti und Roma keinen Platz. Für sie sind wir die anderen.

Wir müssen anerkennen, daß es verschiedene Lebensweisen gibt, und nicht von vornherein ist jene der Mehrheit auch gleichzeitig die bessere. Verschiedenheit muß nicht als Anlaß zum Streit, sondern kann auch als etwas Spannendes, Lebendiges gesehen werden. Warum sollten alle Menschen gleich sein? Die unterschiedlichen Lebensweisen sind nicht naturbedingt, sondern historisch gewachsen, von sozialen Bedingungen abhängig und veränderlich. Fremde Lebensweisen unvoreingenommen kennenzulernen, kann auch bedeuten, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten kritisch zu hinterfragen, Vorteile auch in anderen Wertvorstellungen zu sehen und insgesamt toleranter und aufgeschlossener zu werden.

An zwei Beispielen sollen die Unterschiede in der Lebensweise der Sinti und Roma und unserer eigenen bürgerlichen aufgezeigt werden. Vielleicht merken wir, daß es auch Gemeinsames gibt bzw. daß die Unterschiede relativ sind. Dabei geht es im folgenden um Wandern oder Seßhaft-Sein und um das Verhältnis zu Arbeit und Eigentum.

Die Sippe reist schon lange zusammen. Sie ist mal aus Ungarn, über Polen, nach Deutschland gekommen. Die Familien heißen Magyrecki, Golbatschenski, Schlomichl, Koslowski, Woitschach, Dombrowski, Wollatscheck. Nur wenige aus den Familien können rechnen, lesen und schreiben. Die Alten können noch Ungarisch; auch Polnisch können ein Paar. Untereinander sprechen sie Romani. Kürzlich hat man einmal versucht, die Sippe Seßhaft zu machen. Das heißt, man hat ihr am Rand einer Müllhalde ein paar Baracken zugewiesen.
Nach einigen Tagen ist Ruben Golbatschenski zum Landrat gegangen.
"Es gibt ein Sprichwort bei uns", hat erzum Landrat gesagt, "das geht so: Ein sitzender Zigeuner ist nur am Lagerfeuer denkbar oder auf seinem Koffer. Erlauben Sie, daß wir aufhören, auf unseren Koffern zu sitzen".
Seitdem reisen sie wieder. Nacht für Nacht sitzen die Familien am Feuer. Den Hunden zucken die Läufe im Schlaf. Die Männer erzählen sich Neuigkeiten. Es sieht schön aus, sich in all ihren Ketten und Ringen das Feuer spegeln zu sehen.
"Doch schöner noch", sagt Ruben, "spiegelt sich das Feuer in den Augen deer Frauen".

aus: Wolfdietrich Schnurre, Zigeunerballade, Berlin 1988, S. 20.



oben- GEDANKEN ÜBER DAS EIGENE UND DAS FREMDE: WANDERN - SESSHAFT SEIN
Es scheint uns heute ganz natürlich und selbstverständlich, daß wir an einem festen Ort leben, daß wir eine Wohnung, eine Heimat haben. Wir wechseln zwar mehr oder weniger häufig Wohnorte, für eine bestimmte Zeit fühlen wir uns aber irgendwo daheim. Oft bedauern oder verachten wir Menschen, die kein festes Zuhause haben.

Seßhaftigkeit ist keine natürliche Gegebenheit des menschlichen Daseins, sondern hat sich erst mit der Zeit als Lebensform herausgebildet. Die ersten Menschen waren auf der Suche nach Nahrungsquellen und Siedlungsplätzen ständig unterwegs. Seßhaftigkeit ist in der Menschheitsgeschichte ein relativ junges Phänomen, das sich auch nicht bruchlos und überall durchgesetzt hat. Immer wieder haben Menschen im Laufe der Geschichte ihre Seßhaftigkeit aus verschiedenen Gründen für lange Perioden aufgegeben (Völkerwanderung, Kolonisation Amerikas...) Auch heute noch gibt es überall auf der Welt Völkergruppen, die nomadisch leben.

Seßhaftigkeit gilt als Fortschritt, als kulturelle Errungenschaft, als Kennzeichen der Zivilisation. Trotzdem: Was gibt es Schöneres als zwischendurch wegzufahren, andere Länder und Menschen zu sehen, Urlaub zu machen, zu reisen? Viele verzichten in dieser Zeit auch auf ein Haus/Hotel und schlafen im Wohnwagen oder im Zelt. Warum soll das, was für uns schöne Ausnahme ist, für andere Menschen nicht ständige Lebensform sein?

Es macht einen Unterschied, ob wir uns freiwillig (Abenteuerlust, Neugier...) oder unfreiwillig (Armut, Vertreibung...) auf Wanderschaft begeben. Die Roma verließen ihre Urheimat Indien nicht freiwillig. Seit ihrer Vertreibung zogen diese Menschen als verachtete Minderheit durch die Welt. Nirgends wurde ihnen eine Heimat angeboten. So wurde das Unterwegssein notgedrungen ein Bestandteil ihres Lebens bzw. Voraussetzung für ihr Überleben. Es ist kein ständiger Urlaub.

Ob wir einen festen Wohnsitz haben oder unterwegs sind, bzw. nicht wissen, wie lange wir an einem Ort bleiben können, beeinflußt alle unsere Lebensbereiche: unser Verhältnis zu den Mitmenschen, zur Arbeit, zu Besitz, zum Staat. Alle diese Verhältnisse sind abhängig von Zeit und Ort und stellen sich deshalb für seßhafte und nicht-seßhafte Menschen verschieden dar.

ARBEITEN, UM ZU LEBEN - LEBEN, UM ZU ARBEITEN

DIE GRILLE UND DIE AMEISE
Eines schönen, klaren Wintertages begegnete eine hungrige Grille einer Ameise, die etliche Körner herbeitrug, um sie in der Sonne zu trocknen. "Würdest du mir etwas zu essen geben, gute Ameise", bat die Grille, "damit ich ein wenig meinen Hunger stille? Ich hatte schon lange nichts mehr zu essen." "Wie komme ich dazu, dich zu ernähren!" entgegnete die Ameise. "Was hast du den ganzen Sommer über getan?" "Im Sommer", erwiderte die Grille nicht ohne Künstlerstolz, "da habe ich tagaus, tagein gesungen!" "Ausgezeichnet!" bemerkte die Ameise. "Da du im Sommer gesungen hast, sollst du im Winter tanzen." Diese Fabel stammt vom griechischen Dichter Äsop, der damit das bekannte Sprichwort: "Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen", illustriert.

DER MENSCH LEBT NICHT VOM BROT ALLEIN
Auf die Frage der Grille, ob sie nicht etwas zu essen haben könnte, antwortet die Ameise: "Ich könnte dir schon einige Körner abgeben, dafür mußt du mir aber etwas vortanzen. In diesen kalten Wintertagen wird man ganz trübsinnig und dein Gesang und dein Tanz könnten mein Herz erwärmen." Grille und Ameise teilten also die Mahlzeit und dann sang und tanzte die Grille zur Freude der Ameise. Auch diese Variante der Geschichte wäre vorstellbar. Die Moral ist jedoch eine andere.

Der Begriff und die Einschätzung von Arbeit haben sich im Laufe der Geschichte entscheidend gewandelt. In den antiken Kulturen wurde die körperliche Arbeit im Unterschied zur wissenschaftlichen und politischen Tätigkeit als eines freien Menschen unwürdig betrachtet und meist von Sklaven verrichtet.
Im christlichen Glauben wird die Arbeit als Strafe eingeführt. "Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot verdienen", das sind die bliblischen Worte Gottes bei der Vertreibung der Menschen aus dem Paradies. Auch im Mittelalter galt die Arbeit dem freien Adel als unwürdig. Seine einzige Arbeit war das Kriegführen, alles andere überließen sie ihren hörigen Untertanen. Erst die Bettelorden leiteten im Mittelalter einen Interpretationswandel ein. Die benediktinische Ordensregel "ora et labora" ist ein Beispiel dafür.
In der Neuzeit, v. a. auch durch die Reformation, bekam die Arbeit die zentrale Bedeutung, die sie bis heute noch hat. Eine neue Schicht - das Bürgertum - entstand, die ihren sozialen und politischen Aufstieg durch Erfolg in der Arbeit rechtfertigte. Ausdruck für diese neue Wertordnung ist das Sprichwort "Arbeit adelt". Bis in die heutige Zeit sind Arbeitsfähigkeit und Arbeitswilligkeit Kriterien für den Wert menschlichen Lebens geblieben.

Für viele Menschen ist materielle Sicherheit und ein gewisser Wohlstand das höchste Lebensziel, das nur durch viel Arbeit zu erreichen ist. Allerdings wird uns zunehmend bewußt, daß wir dadurch nicht immer glücklich sind, vieles vernachlässigen, mit unserer Arbeit auch die Umwelt zerstören und viele Menschen aus diesem Lebensmodell ausgegrenzt werden. Was ist mit Menschen, die wegen körperlicher oder geistiger Behinderungen nicht arbeiten können?
Oder mit jenen, die keine Arbeit finden? Das betrifft heute eine beträchtliche Anzahl von Jugendlichen, vor allem aber Sinti und Roma, denen einerseits für viele Arbeitsplätze die Bildungsgrundlage fehlt, die aber andererseits - wie übrigens auch viele Ausländer - auf dem Arbeitsmarkt auf große Vorurteile stoßen. Heutzutage findet durchaus nicht jeder Arbeitswillige auch tatsächlich einen Arbeitsplatz...

Einmal wurde ein Zigeuner gefragt, warum er der Arbeit aus dem Weg gehe; darauf soll er folgendes geantwortet haben: "Arbeit ist eine Strafe, die Gott den Menschen wegen Adams Sündenfall auferlegt hat. Weil der sich von Eva verführen ließ, vom verbotenen Apfel zu essen. Das stimmt doch?"
"Ja, das stimmt."
"Nun gut", sagte der Mann, "aber weil wir Zigeuner nicht von Eva abstammen, sondern von Adams erster Frau, sind wir auch nicht zu dieser Strafe verdammt".

Juan de Dios Ramirez Heredia

Viele Payos behaupten, daß ein Zigeuner nichts arbeitet. Richtig aber ist, daß er auf eine andere Art arbeitet als sie. Für die Meisten Zigeuner ist Arbeit eine zum Überleben notwendige Tätigkeit, aber nicht ein idealisiertes Ziel im Leben eines Menschen, wie für die meisten Payos. Die Arbeit ist umso besser, je mehr man in der kürzestmöglichen Zeit bei geringstem Aufwand und mit der größten Freiheit, sie sichohne äußere Einschränkungen selbst einzuteilen, verdient.

aus: E. Hackl (Hrsg.) Zuvögel siet jeher, Wien/Freiburg/Basel 1987, S. 50.



oben- LITERATUR ÜBER SINTI UND ROMA
EDER, Beate: Geboren bin ich vor Jahrtausenden. Bilderwelten in der Literatur der Roma und Sinti, Klagenfurt 1993, 260 S.
Darstellung der Literatur der Sinti und Roma. Um gängige Klischees und Zigeunermythen zu durchbrechen be-schreibt die Autorin auch die außerliterarische soziale Wirklichkeit, in der die Literatur entsteht.
GRONEMEYER, Reimer/RAKELMANN, Georgia A.: Die Zigeuner. Reisende in Europa, Köln 1988, 233 S.
Sehr fundiertes und übersichtliches Buch zu Geschichte, Kultur und Lebensweise der Zigeuner sowie zum Verhältnis Zigeuner und Nicht-Zigeuner mit zahlreichen, z.T. farbigen Abbildungen und Übersichtstabellen.
KENRICK, Donald/PUXON, Grattan: Sinti und Roma - Die Vernichtung eines Volkes im NS-Staat, Göttingen 1981, 192 S.
Gehört zu den Standardwerken über den nationalsozialistischen Völkermord an den Zigeunern.
Roma: eine Reise in die verborgene Welt der Zigeuner. Text: Nebojša Bato Tomaševic/Rajko Djuric, Fotos: Dragoljub Zamurovic, Köln 1989.
Sehr ansprechender Bildband mit vielen großformatigen Farbfotos, der die Situation der Sinti und Roma in den einzelnen europäischen Ländern darstellt.
Roma. Das unbekannte Volk. Schicksal und Kultur, hrsg. v. Mozes F. HEINSCHINK/Ursula HEMETEK für den Verein Romano Centro Wien, Wien, Köln, Weimar 1994.
Informative Aufsatzsammlung verschiedener AutorInnen zu Geschichte und Kultur der Sinti und Roma in Europa.
Sinti und Roma gestern und heute, hrsg. v. Mirella KARPATI, Bozen 1994, 256 S.
Dokumentation der internationalen Tagung in Bozen am 16. Dezember 1992 zum 50. Jahrestag des "Auschwitzerlasses". Verschiedene Aufsätze zu Geschichte, Kultur, aktueller Situation sowie literarische Texte von Sinti und Roma in Romanes mit Übersetzung.
Stichwort Sinti und Roma, hrsg. v. Peter KÖPF, München 1994.
Handliches Taschenbuch mit den wichtigsten Informationen über Sinti und Roma mit zahlreichen Tabellen. Gut als Einführung und zum Nachschlagen geeignet.
THURNER, Erika: Nationalsozialismus und Zigeuner in Österreich, Wien, Salzburg 1983.
Standardwerk zur Geschichte der Sinti und Roma in Österreich.



BÜCHER FÜR JUGENDLICHE

FIENBORK, Gundula/MIHOK, Brigitte/MÜLLER, Stefan (Hg.): Die Roma - Hoffen auf ein
Leben ohne Angst, Reinbeck bei Hamburg: rororo aktuell, 1992. (OS)
Roma aus Rumänien, dem ehemaligen Jugoslawien, der Slowakei, Ungarn und Polen erzählen ihre Lebensgeschichten mit dem Hauptaugenmerk auf die Zeit seit den politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in ihren Heimatländern. In dem Buch kommen Roma im Alter von 2o bis 84 Jahren verschiedenster Berufe und unterschiedlichster Anschauung und Herkunft zu Wort und geben auf diese Weise Einblick in die Vielfalt des Lebens in Osteuropa.
FRANZ, Philomena, Zigeunermärchen, Bonn 1983. (GS/MS)
Sammlung von Zigeunermärchen, die sich auch zum Vorlesen eignen.
HACKL, Erich: Abschied von Sidonie, Zürich: Diogenes, 1989. (OS)
Mit der Bitte um Eltern wird das Zigeunerkind Sidonie Adlersburg an der Portiersloge des Krankenhauses von Steyr (Oberösterreich) abgegeben. Nach einer kurzen glücklichen Zeit bei ihren Pflegeeltern können auch diese das Mädchen nicht von dem ihm zugedachten Ende im Konzentrationslager bewahren. Stellvertretend für ähnliche Schicksale erzählt Hackl in einer knappen, protokollarischen Sprache den authentischen Fall der Sidonie Adlersburg.
KLAUSSNER, Wolf: Jüppa und der Zigeuner, Ravensburger Taschenbuch (MS/OS)
Im Winter 1944/45 entdeckt Jüppa, dessen früh verstorbene Mutter Halbjüdin war, in einem aufgelassenen Steinbruch einen griechischen Zigeunerjungen, dem die Flucht aus dem Konzentrationslager gelungen ist. Für den Außen seiter Jüppa gestaltet sich die spontane Hilfs- und Rettungsaktion bis zum Einmarsch der Amerikaner im Dorf sehr schwierig.
KRAUSNICK, Michael (Hrsg.): "Da wollten wir frei sein!" Eine Sinti-Familie erzählt, Würzburg: Arena-Taschenbuch, 1988 (MS/OS)
Vertreter von vier Sinti-Generationen erzählen in dem Buch, wie sie vom Kaiserreich bis zum heutigen Tag gelebt haben, wie sie ausgegrenzt, verfolgt, befreit und wieder ausgegrenzt worden sind. Vor dem Hintergrund eines Kapitels deutscher Geschichte entsteht eine sehr persönliche Familiengeschichte, die betroffen macht.
LEE, Ronald: Verdammter Zigeuner, Weinheim, Basel: Beltz & Gelberg, 1983. (OS)
Der 1934 als Kind von Zigeunern in Montreal geborene und von Gadschos aufgezogene Ronald Lee kehrte mit 21 Jahren zu den Zigeunern zurück und zog jahrelang mit dem Kesselflicker Kolia herum. In seinem autobiographischen Roman schildert er schonungslos und aus einer inneren Betroffenheit heraus seine Wanderjahre, sein Leben in den Ghettos von Kanada und seinen Kampf um Anerkennung und Chancengleichheit der Minderheiten.
PETERSEN, Elisabeth: In meiner Sprache gibt's kein Wort für morgen, Recklinghausen: Georg Bitter, 1990. (GS/MS)
Die Familie Schawo ist eine Sinti-Familie, die in Deutschland am Rande einer Großstadt lebt. Man hat die Zigeunersiedlung als Mustersiedlung erbaut und trotzdem sind die Bewohner "am Rande" geblieben. Die Vorurteile ihnen gegenüber kommen wieder voll zum Durchbruch, als ausländische Zigeuner in der Stadt auftauchen.
PÜSCHEL, Walter: Die zerbrochene Melodie, Stuttgart, Wien: Thienemann, 1992. (MS)
Der Sinti Michel verliebt sich 1943 in die Romni Saffi, die gemeinsam mit ihrer Familie im Zigeunerlager von Marzahn/Berlin lebt. Die Unterschiede zwischen Sinti und Roma werden angesicht der sich zuspitzenden politischen Lage bedeutungslos. Unaufdringlich verwebt Püschel historisches Wissen mit einer spannenden Liebesgeschichte.
SCHNURRE, Wolfdietrich: Zigeunerballade, Franfurt a.M., Berlin: Limes, 1988. (MS / OS)
Literarische Beschreibung des Lebens einer Sinti-Gruppe in Deutschland, die sehr viele Informationen über Geschichte, Kultur und alltäglichen Lebensformen und Problemen bietet.
TIDL, Maria: Es brennt in der Au, Wien: Dachs, 1992. (GS/MS)
In der Klasse ist ein echter Zigeuner, ein Roma. Er ist nicht nur in der Klasse ein Außenseiter, sondern im ganzen Dorf. Über alle Widerstände hinweg freundet sich Julius mit dem Zigeunerjungen an und erfährt, wie Roma heute leben, wieviel Leid sie ertragen mußten und wovon sie träumen.
TUCKERMANN, Anja: Muscha, München: Erika Klopp, 1994. (MS)
Mit dem Schuleintritt, der in die Zeit des Nationalsozialismus fällt, beginnen für den Dunkelhäutigen Joseph die Probleme. Er wird trotz seines ständigen Bemühens, sich anzupassen zum Außenseiter und zur Zielscheibe von agressiven Übergriffen. Seine Eltern glauben ihn nur dann schützen zu können, wenn sie ihm die Wahrheit über seine Herkunft verschweigen. Sie lüften das Geheimnis auch nicht, als sie ihn monatelang in einem Gartenhaus verstekken müssen.
WÖLFEL, Ursula: Mond, Mond, Mond, München: dtv (GS/MS)
Als Gaukler, Feuerschlucker, Puppenspieler und mit Betteln verdient sich die nomadisierende Zigeunersippe, zu der auch die fünfzehnjährige Nauka und ihre kleine Schwester Pimmi gehören, den Lebensunterhalt. Quer durch Deutschland führt ihr Weg nach Südfrankreich, wo sie das große Sara-Fest feiern wollen. Manch erfreuliche, aber auch manch unerfreuliche Bekanntschaft machen sie auf ihrem Weg, und Pimmi erschrickt beinahe selbst vor ihrer Gabe, vieles voraussehen zu können.
YOORS, Jan: Das wunderbare Volk. Meine Jahre mit den Zigeunern, München: dtv, 1989. (MS/OS)
Autobiographische Erinnerungen des belgischen Autors, der als Zwölfjähriger von einer Rom-Familie adoptiert wurde und mit ihr zehn Jahre lang (1934-1944) durch Europa zog.

LITERATUR VON SINTI UND ROMA

FRANZ, Philomena: Zwischen Liebe und Haß, Freiburg im Breisgau: Herder, 1985.
Autobiographische Aufzeichnungen der Erfahrungen im Konzentrationslager.
HOLDOSI, Jozsef: Die Straße der Zigeuner. Aus dem Ungarischen von Peter Scharfe, Berlin: Neues Leben, 1984.
Die Geschichte spielt in der Zeit zwischen 1920 und 1960. Ort des Geschehens ist die Zigeunerstraße am Rande eines ungarischen Dorfes.
MAXIMOFF, Matéo: Verdammt zu leben. Aus dem Französischen von Elisabeth Profos-Sulzer. Bern: Zytglogge, 1988.
Den Zeitrahmen der Handlung bilden die Oktoberrevolution in Rußland und der Nationalsozialismus in Deutschland. Es geht in diesem Roman um die Verfolgung der Roma durch die politischen Machthaber, aber auch um die Verfolgung der Hauptfigur durch das Stammesgericht der Roma selbst.
STOJKA, Ceija: Reisende auf dieser Welt. Aus dem Leben einer Rom-Zigeunerin, Wien: Picus, 1992.
STOJKA, Ceija: Wir leben im Verborgenen. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin, Wien: Picus 1988.
In diesem Buch geht es vor allem um die Erlebnisse und Erfahrungen, die Ceija Stojka im Konzentrationslager machte, während im zuerst genannten Titel eine breitere Darstellung der Lebensgeschichte erfolgt.

ZEITSCHRIFTEN

ITALIEN
Lacio Drom, rivista bimestrale di studi zingari. Centro studi zingari, Roma (seit 1960) Studien und Berichte über und von Sinti und Roma.

DEUTSCHLAND
Der Rom e. V. für die Verständigung von Rom (Roma und Sinti) und Nicht-Rom (Bobstr. 6-8, 50676 Köln 1, Tel. 0049/221/242536) gibt eine Zeitschrift in Romanés mit dem Titel "Jekh Chib" heraus (Zusammenfassungen in deutscher Sprache).
Die Cinti und Roma-Union Hamburg gibt für den "Roma International Congress" die "Roma News" (englisch) heraus.

ÖSTERREICH
Das "Romano Centro", Schneidergasse 15, 1110 Wien (Tel. 0043/1/749336) gibt eine vierteljährlich erscheinende Zeitung mit dem Titel "Romano Centro" heraus.

AUDIOVISUELLE MEDIEN
Die im folgenden angeführten audiovisuellen Medien können bei der Bibliothek Kulturen der Welt in Bozen ausgeliehen werden.

FILME
"Kinder der Landstraße"
Videokassette. Spielfilm von Urs Egger, 110 Min.
Der Film erzählt die Geschichte des jenischen Mädchens Jana Kessel. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges flüchtet die Familie Kessel wegen der drohenden Deportation aus Deutschland in die Schweiz. Doch dort geht der Schrecken weiter: Die beiden Kinder, Django und Jana, werden von Beamten der schweizerischen Organisation "Pro Juventute" mit Polizeigewalt abgeholt und in verschiedenen Waisenhäusern untergebracht. Der Film begleitet Jana auf ihrem schwierigen Lebensweg.

"Sinti und Roma. Verfolgt und vergessen"
Videokassette, 61 Min., 1987.
Eine Gruppe von Sinti besucht das KZ Auschwitz. Viele von ihnen waren als Kinder und Jugendliche dort inhaftiert und berichten von dieser Zeit, aber auch von der bis heute andauernden Ausgrenzung und Kriminalisierung der unerwünschten Minderheit. Ein gegenwartsbezogener Rückblick.

"Minderheiten in Österreich: Zigeuner"
Videokassettte, 15 Min., 1986.
Kulturelle, politische und wirtschaftliche Probleme der Zigeuner am Beispiel der Burgenland-Roma. Historischer Rückblick und Darstellung der heutigen Verhältnisse.

"Hier und dort über Sinti, Roma und Dolganen"
Videokassette, 45 Min., ZDF 1994.
Für Kinder und Jugendliche ein Einblick in den Alltag eines sibirischen Dolganenjungen und in Geschichte und Leben der Sinti und Roma.

"Eine tiefe Verwandtschaft"
Sinti und Roma, Juden, mit Sir Yehudi Menuhin
Videokassette, 55 Min., ZDF 1994.
Durch den Schlüssel der Liebe zur Musik führt das Dokument durch die den Sinti, Roma und Juden gemeinsamen Geschichte langer Verfolgung, Unterdrückung und Heimatlosigkeit.

"Feri, der Roma-Tänzer in Ungarn"
Videokassette, 25 Min., SF DRS 1994.
Der Film erzählt den Alltag des Roma-Jungen Feri. Feri lebt in Ungarn und ist schon Sänger und Tänzer, obwohl er noch die Schule besucht. Der Film ist in Schweizerdeutsch, aber trotzdem gut verständlich.

"Die letzten freien Menschen"
Dokumentarfilm über das fahrende Volk in der Schweiz.
Videokassette, SF DRS 1994.
Geschichte und heutige Lebensverhältnisse der Jenischen in der Schweiz.

"Anders als die anderen"
Zigeuner in Frankreich
Videokassette, 44 Min., ORF 1994.
Dargestellt wird der französische Zigeuneralltag vom folkloristischen Pilgerfest in Saint Maries de la Mer und dem Prominentenfest mit Manitas de Plata bis hin zu den Elendssiedlungen der rumänischen Flüchtlingszigeuner bei Paris.

"Time of the Gypsies"
Videokassette, Spielfilm von Emir Kusturica (Jugoslawien/Italien 1989), 125 Min.
Zwischen Realität und Traum, Märchen und Mythen ist die Geschichte vom Erwachsenwerden eines Romajungen, der alles gewinnen und alles verlieren wird angesiedelt. Ein beeindruckendes filmisches Zeugnis eines Volkes, eingebunden in eine bewegende Liebesgeschichte.

TONKASSETTEN
"Romane gila" - Lieder und Tänze der Roma in Österreich
Musikkassette mit Begleitheft, IDI-Ton 23, Wien 1992, hg. vom Institut für Volksmusikforschung und den österreichischen Dialektautoren.

"Die Welt weiß nicht, wie sie uns achten soll"
Kultur und Verfolgung der Sinti und Roma.
Audiokassette, 4 x 25 Min., 1990/91.
Inhalte der einzelnen Sendungen: 1) Wer sind die "Zigeuner?", 2) Nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung von Zigeunern. Das Weiterleben von zigeunerfeindlichen Haltungen nach 1945, 3)Kultur der Zigeuner in Spanien und deren Verfolgung, 4) Die Lage der Sinti und Roma in der BRD und Österreich nach 1945. Ihr Leben in der heutigen CSFR.

"Zigeunermusik". Sinti-Musik aus Südtirol.
Audiokassette, 2 x 20 Min., Familie Gabrielli.

DIAPOSITIVE
"Die Rom-Dorfzigeuner"
40 Diapositive, 1990.
Geschichte und Gegenwart der Dorfzigeuner geliedert nach vier Schwerpunkten: 1)Situation in der Zwischenkriegszeit, 2) Registrierungen, 3) Nationalsozialismus, 4) Situation nach 1945 bis heute.

oben- ORGANISATIONEN DER SINTI UND ROMA - ORGANISATIONEN FÜR SINTI UND ROMA

EUROPA / WELT
Roma Welt-Union, c/o Rajko Djuric, Bundesplatz 9, D - 10715 Berlin

FRANKREICH UND EU-RAUM
Centre de recherches tsiganes, Université René Descartes, 106 quai de Clichy, F - 92110 Clichy

ITALIEN
Centro Studi Zingari, via dei Barbieri, 22, I - 00186 Roma

Comune di Roma, XII circoscrizione
Bibloteca e Centro Culturale dei Rom, Via Salvatore Larizza, 100, I - 00182 Roma

Opera Nomadi
via Arco del Monte, 99, I - 00186 Roma

ÖSTERREICH
Roma, Verein zur Förderung von Zigeunern
Postfach 41, A - 7400 Oberwart

Romano Centro
Schneidergasse 15/5, A - 1110 Wien

DEUTSCHLAND
Zentralrat deutscher Sinti und Roma, Zwingerstr. 18, D - 69117 Heidelberg
Dort befindet sich auch das Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma.

Rom e.V. für die Verständigung von Rom und Nicht-Rom, Bobstr. 6-8, D - 50676 Köln

Cinti Union Berlin
Lagerweg 14-18, D - 1000 Berlin 20

Gesellschaft für bedrohte Völker - International
Postfach 2024, D - 37010 Göttingen

SCHWEIZ
Verband deutscher Sinti
Radgenossenschaft der Landstraße, Generalsekretär J. M. Häfeli, Postfach 221, CH - 4552 Derendingen

SÜDTIROL
Kulturverein der Roma, Herr Enes Hrustic, F. Baracca-Str. 1, I - 39100 Bozen

Caritas (deutsche Sektion), Talfergasse 4, I - 39100 Bozen, Tel.: 97 36 04

Gesellschaft für bedrohte Völker, Lauben 49 - 39100 Bozen, tel/fax 972240
- - Siehe auch Sinti und Roma in Europa

BILDNACHWEIS

Umschlag vorne: Interface 1993/10, hrsg. v. Centre de recherches tsiganes.
S. 3, 47, 53: Sinti und Roma gestern und heute, Bozen 1994.
S. 6, 40, 42, 51 (oben), 52 (rechts), 71 aus: Roma. Eine Reise in die verborgene Welt der Zigeuner, Köln 1989.
S. 11, 12, 16: J. S. Hohmann, Geschichte der Zigeunerverfolgung in Deutschland, Frankfurt/New York 1981.
S. 13, 36, 51 (unten), 52 (links): L. Eiber, "Ich wußte, es wird schlimm." Die Verfolgung der Sinti und Roma in München
1933-1945, München 1993.
S. 15, 64, 65: J. S. Hohmann, R. Schopf (Hg.), Zigeunerleben, Darmstadt 1981.
S. 18: Ich geb Dir einen Mantel, daß Du ihn noch in Freiheit tragen kannst. Widerstehen im KZ, hrsg. v. K. Berger u. a.,
Wien 1987.
S. 20: Reimmichls Volkskalender 1982.
S. 22: FF Südtiroler Illustrierte 1994/6.
S. 23: Foto Tabletop Bozen.
S. 25: FF Südtiroler Illustrierte 1993/51.
S. 26, 27: Alessandro Gabrielli, Brixen
S. 32, 33, 34, 35, 37, 40, 50, 73, 74, 75, Umschlag hinten: R. Gronemeyer, G. A. Rankelmann, Zigeuner. Reisende in Europa, Köln
1988.
S. 44: M. Karpati, I figli del vento. Gli zingari, Brescia 1978.
S. 45: Roma. Das unbekannte Volk, hrsg. v. M. F. Heinschink y a., Wien/Köln/Weimar 1994.
S. 48: M. Karpati, Fra i Rom: Vita e storia zingare, Brescia 1978.
S. 46,59: Zugvögel seit jeher. Freude und Not spanischer Zigeuner, hrsg. v. E. Hackl, Wien/Freiburg/Basel 1987.

Titel der italienischen Ausgabe: Sinti e Rom - Popolo sconosciuto
Titel der ladinischen Ausgabe: Sinti y Roma - N popul nia conesciü

Alle Rechte vorbehalten, Bozen, 1995
Gesellschaft für bedrohte Völker - Südtirol, Lauben 49, 39100 Bozen

Graphisches Konzept und Layout: Graphic Line Bozen
Druck: Stampa CIERRE Grafica, Verona
Umschlagbilder: Interface, Straßburg
Mitarbeit: Thomas Benedikter, Hilda Kasparek, Doris Wallnöfer, Irene Palma
Web (July 2001): Mauro di Vieste

Autorin: Martha Verdorfer
Mitarbeit: Thomas Benedikter und Hilda Kasparek
Ladinische Ausgabe: Erna Flöss und Marlies Frenademez Crazzolara
Italienische Ausgabe: Marco Cagol

Wir danken:
Mirella Karpati vom öCentro Studi Zingariö, Rom,
dem Ladinischen Kulturinstitut öMicurde Rüö, St. Martin in Thurn
Annelore Hermes, Gesellschaft für bedrohte Völker, Göttingen

Bestellungen:
Frasnelli&Keitsch Verlag, 39100 Bozen, Dantestr. 20/a, Tel. (O471)274240, Fax (0471)288177.
Gesellschaft für bedrohte Völker, Lauben 49, 39100 Bozen, Tel+Fax (0471)972240


Über 10 Millionen Menschen, seit 600 Jahren in der Diaspora, verteilt auf nahezu alle Länder Europas: die Sinti und Roma sind nicht nur überall Minderheit, sondern auch das letzte "fahrende" Volk Europas, das zumindest teilweise noch nomadisch lebt.

Wie schnell sind wir mit abschätzigen Urteilen über sie zur Hand, und wie wenig wissen wir über ihre Geschichte und ihre Kultur... Wie schnell schmeißen wir oft ein ganzes Volk in einen Topf, ohne ihre Lebensverhältnisse und ihre Probleme zu kennen. Wie schnell schieben wir sie an den Rand, ohne je ein Wort mit ihnen gewechselt zu haben.

Sinti und Roma leben seit langer Zeit auch unter uns in Südtirol, einem Land der Minderheiten. Sie verdienen es, daß wir uns näher mit ihnen befassen. Diese "Texte zum Kennenlernen", anschaulich und leicht verständlich, liefern den Einstieg dafür.


Siehe auch:
* www.gfbv.it: |

* www: | www.emscuola.org/labdocstoria/Pubblicazioni/UBarodt/indiceU.htm


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Die Welt ist groß und bunt: Neue-leute-kennenlernen.de!

Du hast uns gerade noch gefehlt! Ja, das meinen wir ernst und natürlich mit einem fröhlichen Smilie im Auge, denn hier warten jede Menge nette Leute, Singles, Paare, Alleinerziehende, in jeder Altersklasse und aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Einen Grund, um neue Leute kennenlernen zu können, braucht es eigentlich gar nicht und doch gibt es unendlich viele. Du bist umgezogen, plötzlich wieder Single, deine „alten“ Freunde haben sich in alle Welt verteilt oder gehen jetzt anderen Interessen nach. Hier kannst du, nette Leute kennenlernen aus deiner Stadt, witzige, außergewöhnliche Menschen treffen, ein romantisches Date in die Wege leiten oder gezielt nach Personen suchen, die deine Interessen teilen.

Sportpartner, Tanzpartner, Gesprächspartner, Ausgehpartner, Reisepartner - Die Möglichkeiten sind nahezu unbegrenzt. Als Neubürger in der Stadt findest du hier schnell Anschluss. Und nicht zu vergessen: Die Liebe - Traummann oder Traumfrau können natürlich auch dabei sein. Registriere dich kostenlos und du bleibst nicht mehr lange allein!

Frischer Wind im Leben mit neuen Leuten aus der Community
Ob du Single bist oder aber in einer Partnerschaft lebst - Neue Menschen kennenlernen und, das ist Bestandteil des Lebens. Je mehr Leute du kennst, umso größer sind der Spielraum und die Möglichkeiten, interessensgerecht aktiv zu werden. Die Zeiten haben sich auch geändert. Früher zog Mann oder Frau immer nur mit dem gleichen kleinen Grüppchen zu den gleichen Veranstaltungen oder Events los und hat im Prinzip immer das Gleiche gemacht. Bis Mann oder Frau dann irgendwann gemerkt hat, dass es langweilig geworden ist und die eigenen Interessen mitunter auf der Strecke geblieben sind. Denn die eigenen Interessen, Hobbys oder Vorlieben können sich verändern.

Die vernetzte und mobile Welt ist da viel flexibler. Leute suchen Leute, um gemeinsam neue Dinge auszuprobieren, den Horizont zu erweitern und einfach mitten drin zu sein, statt nur dabei oder gar außen vor. Verwirkliche deine Ziele und mach einfach, was du willst. Hier finden sich nette Leute aus deiner Stadt, aus anderen Städten und sogar aus anderen Ländern. Neue Leute kennen lernen, die genau an den Hobbies, Sportarten, Unternehmungen interessiert sind wie du - Das macht diese Community aus.

Freizeitpartner von A-Z


Freizeit ist ja ein weit gefasster Begriff und daher lässt sich Freizeit auch unendlich vielfältig gestalten. Sport treiben, in der Sonne liegen, Wellness genießen, Städte besuchen, Bauchtanz lernen, Kunst anschauen oder auch selbst künstlerisch tätig sein, sich sozial oder ehrenamtlich engagieren, für den Umweltschutz aktiv werden oder einfach nur so richtig Party machen - Hier kannst du neue Leute treffen und herausfinden, was zusammen geht.

Massensport oder Leistungssport, Fun- und Extremsport, gemütlich Walken, in den Bergen klettern, radeln durch Neuseeland, Fußballspielen oder die herrliche Natur auf Wanderwegen erkunden? Sportpartner finden ist in der Community leicht, denn hier warten Gleichgesinnte.

Du möchtest lieber ausgelassen tanzen, vielleicht einen Tanzkurs belegen, Ballett lernen oder im Freestyle abrocken? Kein Problem. Tanzpartner für das beschwingte Vergnügen finden, ist bei neue-leute-kennenlernen.de nur eine Frage der Anmeldung und schon kannst du am nächsten Wochenende das Tanzbein mit netten Menschen schwingen.

Du möchtest auf Reisen gehen? Eine Wallfahrt oder Pilgern nach Canossa? Fremde Länder und neue Leute kennenlernen, Freude finden in Deutschland, Österreich, der Schweiz oder mit Reiselustigen aus deiner Stadt die Welt entdecken? Reisepartner, die deine Vorlieben teilen, finden sich hier garantiert.

Aus Online-Freunden werden richtige Freunde


Es ist so einfach, über das Internet Kontakt aufzunehmen, wie dir unsere Community zeigen wird. Du hast die Möglichkeiten, dich vielfältig und zu deinen Themen auszutauschen und kannst nette Leute im richtigen Leben treffen, um sie kennenzulernen. Gruppen können sich finden und gemeinsam etwas auf die Beine stellen, sei es den Lauftreff, die Theater-Gruppe, eine Selbsthilfegruppe oder einen Gesprächskreis. Und wie schon tausendfach erlebt: Es entstehen neue Freundschaften, die sich gegenseitig bereichern. Sich einen neuen Freundeskreis aufzubauen, ist gar nicht so schwer wie immer angenommen wird. In der Community warten Menschen, die alle nur das eine wollen: Neue Leute kennenlernen!

Allein, allein? Das muss nicht sein!


Der bekannte Song der Band Polarkreis 18 ist ein echter Ohrwurm, er dreht sich ausschließlich um das Alleinsein und die Sehnsucht danach, das Alleinsein zu beenden. Du bist neu in der Stadt und fühlst dich allein, einsam? Wie neue Leute kennen lernen und Freundschaften finden? Das ist die Frage, die du dir stellst? Die Antwort darauf findest du in unserer Community.

Du hast dich getrennt oder wegen einer schweren Lebensphase zurückgezogen? Es ist Zeit, wieder unter die Leute zu gehen und hier kannst du neue Leute treffen, vielleicht auch solche, die ein ähnliches Schicksal teilen wie du. Mach den ersten Schritt, der meist der schwerste Schritt ist, aber wir machen ihn dir leicht!

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Langustendöner (52)

Nach meiner Rückkehr aus Quito gibt es erstmal ein herzliches Wiedersehen mit der Panacea-Crew. Die Finnen bringen mich auf den neuesten Stand in Sachen Marina-Tratsch. Ein amerikanisches Boot ist angekommen, ein paar Franzosen haben abgelegt, ansonsten gibt es keine wesentlichen Veränderungen in der Seglercommunity. Die Leinen haben gehalten und Sturm gab es auch keinen, sehr schön. Nach einem lazy Sunday geht es am Montag richtig los. Als ich in Kolumbien das Cockpit renovierte, habe ich alle Nieten der Backskistenbefestigung ausgetauscht, allerdings rosten mir die Aluminiumnieten made in Germany bereits nach 9 Monaten wieder unter dem Arsch weg – Schöner Mist. Erfreulicherweise zeigen die Nieten aus Columbia, mit denen wir die Solarpanels befestigt haben, keine Ermüdungserscheinungen und davon habe ich noch 100 Stück in Reserve. Der Austausch der Nieten sollte also nur Formsache sein, schließlich habe ich exakt dafür in Guaynquil einen Satz Cobaldbohrer für knapp 150 US erstanden – Haha!

Bereits beim Durchbohren der ersten Niete brechen drei Bohrer ab – nah, super. Ich lege eine Denkpause ein und brauche dringend eine neue Strategie um die Schäden im Cockpit so gering wie möglich zu halten. Da mir nichts wirklich Intelligentes einfällt, spüle ich erstmal ab – typisches Übersprungsverhalten! Wenn ich die Nieten nicht durchbohren kann, dann lassen sich vielleicht die Nietenköpfe mit einem deutlich größeren Bohrer lösen und der verbleibende Rest kann einfach nach unten durchgeschlagen werden? An sich eine gute Idee, aber klappt es auch? Drei Zigaretten später bin ich entschlossen einen Versuch zu wagen und es klappt! Während ich mit der ersten Niete eine Stunde gekämpft habe, sind die restlichen 35 in 90 Minuten erlegt. Die losen Backskistendeckel werden mit reichlich Chemie gereinigt, getrocknet und wieder fachgerecht eingenietet und weil mich gerade sowieso der Putzwahn ergriffen hat, wird das gesamte Cockpit von Staub, Asche und anderen Ablagerungen gesäubert. Am Abend sitze ich mit einem Glas Wein im Cockpit, genieße den Sonnenuntergang und mein Tagwerk. Ich hab´s geschafft, aber natürlich viermal soviel Zeit benötigt wie geplant …

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Die nächsten Tage läuft es nicht besser! Alles dauert viel, viel länger als geplant und die Durchschnittstemperaturen von 32°C, machen die Geschichte auch nicht besser. Am Ende der Woche ist vor allem eins klar: Den geplanten Ausflug nach Guaynquil kann ich knicken! Ich hoffe nur noch, dass das Gröbste bis zu Balu´s Ankunft erledigt ist. Dafür sind die intermittierenden Sundowner mit den Finnen eine schöne Abwechslung und eine wirkliche Bereicherung. Unglaublich, wie einem manchmal die Zeit durch die Finger gleiten kann. Parallel zu meinem täglichen Arbeitspensum wollen natürlich noch andere Dinge organisiert werden. Ich brauche unbedingt Seewasser-resistente Schrauben, ein oder zwei Reiseführer von der Südsee, Cruisingguides, aktuelle nautische Tabellen für die Astronavigation, Sikaflex, und, und, und … Via Email sende ich Antje meine Wünsche, die organisiert die Sachen in Deutschland und schickt am Montag schließlich ein 8 Kg Paket zu Balu nach Meran. Laut DHL ist das Paket spätestes drei Tage später in Italien, was auch stimmt, aber leider ist der Standort der Sendung trotz Trackingnummer bis zum Wochenende nicht eruierbar. Unglücklicherweise muss Balu vor seinem Abflug nach Ecuador noch nach Ungarn und muss spätestens am Montag aufbrechen!

Ohne eine Chance auf Intervention sitze ich in Ecuador auf glühenden Kohlen! Das 300 Euro Paket wird es doch noch bis zu mir schaffen? Am Montagmorgen bekomme ich dann die ersehnte Email: „Paket ist angekommen, bin auf dem Weg nach Ungarn, alles gut!“ Puh, Schwein gehabt! Deutlich entspannter widme ich mich wieder meiner To-Do-Liste. Drei Tage später geht es allerdings Schlag auf Schlag, am Freitag bricht die SY Panacea zu den Marquesas auf. Am Mittwochabend bekomme ich eine Email von der SY Nemo, dass sie zusammen mit Jon von der SY Hecla am Donnerstag um 8 Uhr in die Marina einlaufen wollen. Ich freue mich riesig Chris und Elayne doch noch wiederzusehen. Donnerstag Punkt 8 Uhr sitze ich vor dem Restaurant und beobachte den Horizont. Mit zwei Stunden Verspätung treffen die Australier ein. Ich winke vom Pier und hüpfe aufgeregt herum. Die beiden dürfen aber leider erst nach dem Einklarieren an Land und müssen vorerst noch vor der Marina ankern. Wir konferieren mehrfach via UKW-Funk, um 17 Uhr haben die beiden zwar offiziell eingecheckt, aber jetzt haben die Marineros Feierabend. Eine Stunde später ist klar, dass der geplante Sundowner auf den nächsten Tag verschoben werden muss …

Am nächsten Morgen helfe ich beim Anlegen der SY Nemo und kurze Zeit später gibt es ein herzliches Wiedersehen mit Chris und Elayne. Anschließend helfen wir noch Jon von der SY Hecla und die neue Sundownertruppe ist komplett. Allerdings ist auch der ganze Vormittag mittlerweile vorüber! Aber es bleibt keine Zeit zum Durchatmen, denn bei der SY Panacea laufen die Vorbereitungen für´s Auslaufen auch schon auf Hochtouren. Wir verabschieden uns herzlich und dann sind die äußerst sympathischen Finnen auch schon unterwegs Richtung Marquesas. Fair winds und bis bald! Ich hoffe, Euch irgendwo im Südpazifik wiederzutreffen…

Soviel Action gab es in der Marina noch nie, heute war wirklich mal was los. Ich treffe mich am Nachmittag mit Chris, Elayne und Jon und es gibt einiges zu berichten. Wir quatschen bis uns in der Abenddämmerung die Moskitos in die Boote zurücktreiben. Ein wirklich netter Abend mit den Neuankömmlingen. Samstag bin ich wieder ganz mit den Vorbereitungen für Balu´s Ankunft beschäftigt. Wenn alles klappt, wird er um 23 Uhr in Guaynquil ankommen und am nächsten Tag in der Marina eintreffen. Ich schlappe am Vormittag ins Marinabüro und gebe Diana Balus Daten, damit er am nächsten Tag ohne Probleme an den Securityleuten vorbeikommt. Nach einem arbeitsreichen Tag gehe ich früh schlafen, wache um 3 Uhr morgens auf und bin wach. Ich checke meine Emails und bekomme eine Nachricht von Balu. Er ist gut in Guaynquil angekommen und gerade auf dem Weg zum Busbahnhof, um nach Puerto Lucia zu fahren? Das war vor einer Stunde! Okay, keine Panik! Ich habe noch mindestens drei Stunden Zeit um seine Kabine herzurichten. Eigentlich hatte ich erst am frühen Nachmittag mit ihm gerechnet und wollte alles am Vormittag erledigen, aber in diesem Fall…

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Um 05:45 bin ich fertig und Felix ehemalige Kabine ist für meinen Gast bereit. Ich will mich gerade hinlegen und ein bisschen dösen, da steht der Ungar nach seiner 39stündigen Reise auch schon vor der Auriga. Wir freuen uns beide riesig über das Wiedersehen und das bevorstehende Abenteuer. Obwohl mein Freund etwas blass um die Nase ist, gibt es erstmal einen Kaffee. Wir verstauen sein Gepäck an Bord, ich bekomme mein Paket und wir quatschen bis es im Restaurant Frühstück gibt. Danach erkunden wir ein bisschen die Umgebung, gehen in der El Paso Shopping Mall etwas einkaufen und sind gegen Mittag so am Ende, dass wir den halben Nachmittag inklusive des täglichen Sundowners verschlafen – naja, nicht so schlimm. Die nächsten Tage ist mal wieder der übliche Vorbereitungsstress angesagt. Es gilt die letzten Arbeiten am Schiff zu erledigen, das heißt alles muss seegangsfest verstaut werden. Bei dieser Ozeanüberquerung gehe ich auf Nummer sicher und schraube gleich alles fest! Der Motor muss noch gecheckt werden, ich will nochmal in den Mast und wir müssen uns verproviantieren. Es gibt also genug zu tun! Dazwischen sundownern mit der Nemo-Crew und Jon.

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Die nächsten drei Tage vergehen wie im Flug. Wir sichten die kompletten Nahrungsvorräte der Auriga und machen unseren ersten Großeinkauf. Nachdem wir ca. 300 kg Lebensmittel verstaut haben, hat meine Auriga allerdings etwas Schlagseite. Okay, wir müssen definitiv die 120 Liter Wasser besser verteilen. Einen Nachmittag später steht das Boot wieder im Lot, wir sind schweißgebadet und freuen uns auf unsere Kojen. Vor allem ich freue mich auf meine neue Matratze. Ich weiß gar nicht, wie Antje es über zwei Jahre auf der komplett durchgelegenen Liegefläche ausgehalten hat. Aber sie wollte es ja nicht anders. Ich habe ihr mehrfach angeboten eine neue zu besorgen, aber die Gute hat immer abgelehnt. Ich konnte auf dem Ding aber nicht wirklich gut schlafen und so habe ich mir für 200 US beim hiesigen Yachtservice eine neue anfertigen lassen. Nach der ersten Nacht ist klar, die Neuanschaffung hat sich gelohnt, auch wenn ich zwei Wochen darauf warten musste!

Nach mehreren Diskussionen beschließen wir am Freitag auszulaufen. Mittwoch war der 13., Donnerstag noch nicht alles fertig, Balu will unbedingt los – Okay, sein Rückflug von Tahiti geht am 12.05. – aber muss es unbedingt ein Freitag sein! Freitage bringen doch Unglück und dann noch auf einer Strecke von über 5000 Km. Ich lasse mich breitschlagen, fühle mich aber nicht richtig wohl bei der Sache und wir bereiten alles für den 15. März vor. Mittlerweile ist allerdings Carlo, italienischer Einhandsegler, in der Marina eingetroffen. Er war bereits vor 4 Wochen Richtung Marquesas aufgebrochen, musste umkehren, weil sein Unterwasserschiff so mit Entenmuscheln bewachsen war, dass er nur noch mit einem Knoten vorangekommen ist. So was habe ich noch nie gesehen. Alles voll mit Muscheln! Das Unterwasserschiff sah aus wie eine lebendige Aquariumrückwand im Zoo! Wahnsinn! Unglaublich!

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Carlo rät uns allerdings unbedingt davon ab am Nachmittag aufzubrechen, weil wir uns dann in der ersten Nacht zwischen unzähligen, unbeleuchteten Fischerbooten vor der ecuadorischen Küste befinden würden, was nicht ungefährlich ist. Daraufhin beschließen wir erst am Samstagmorgen auszulaufen, was ganz in meinem Sinne ist. Nochmal Glück gehabt! Ich kläre mit dem Marinabüro, dass wir am Donnerstag ausklarieren wollen. Okay, kein Problem, die Offiziellen sollen irgendwann im Laufe des Tages kommen. Während ich auf dem Schiff bleibe und warte, geht Balu auf den Markt nach La Libertad und besorgt Obst und Gemüse. Nach zwei Stunden ist er zurück und liefert die ersten Vorräte ab. Während er zu einer zweiten Tour startet, wasche ich am Steg Unmengen Früchte und Gemüse. Ich habe gerade alles verstaut, als Balu wieder auf der Matte steht. Diesmal hat er noch mehr dabei! Jetzt wird es langsam eng. Gegen 17 Uhr ist auch der Rest verstaut. Die Behörden haben sich allerdings nicht blicken lassen. Ich frage im Büro nach und erfahre, dass sie am nächsten Tag um 08 Uhr am Schiff sein werden.

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Am Freitag kommt gegen 10 Uhr der Zoll vorbei und inspiziert das Boot nochmal. Warum? Keine Ahnung. Im Büro erhalte ich unsere gestempelten Pässe, bezahle bis Samstag – wir sind ready to go. Am Nachmittag geht es nochmal in den Supermarkt und bis zum Sundowner ist auch der Kühlschrank und die letzte Backskiste voll. Wir sind danach allerdings so erschöpft, dass wir unsere Abfahrt zum zweiten Mal verschieben. Sonntag bei Sonnenaufgang soll es losgehen. Am Samstag geht es zum Friseur, danach wird noch ausgiebig im Internet gesurft, die letzten Emails werden geschrieben, wir können noch ein bisschen entspannen, am Abend Verabschiedung von Chris, Elayne und Jon, das obligate Abschiedsessen und dann geht es los. Next Exit – Taiohae Bay, Nuku Hiva, Ile de Marquesas, Französisch Polynesien ….

Fair winds und bis bald,

euer H. Cook von der Auriga

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Quito (19)

Montagabend geht mein Bus um 19:45 Uhr vom Terminal Terrestre Santa Elena nach Quito. Ich bin schon eine Stunde vorher am Busbahnhof und will mich noch ein wenig stärken. Leider haben die Fressstände mit typischem ecuadorischem Essen vor dem Bahnhof schon Schluss gemacht, nur noch KFC in der Bahnhofshalle hat geöffnet. Okay, es gibt Hühnchen oder Hühnchen. Nach einem langen Entscheidungsprozess entscheide ich mich für Hühnchen – Alles schmeckt nach Hühnchen, nur Hühnchen schmeckt nach Tofu! Ich wähle Menü Nr. 4, bekomme nach 10 Minuten drei Brocken frittiertes Geflügel mit Pommes serviert und bin eigentlich bei dessen Anblick schon satt. Aber was soll´s, ich habe Hunger, also rein damit. Nach zwei Stücken gebe ich allerdings auf, mehr geht beim besten Willen nicht! Das sieht mein Nachbar allerdings nicht so. Als ich meinen Tisch verlasse, setzt er sich an meine Tafel und lässt sich das restliche Hühnchen und ein paar kalte Pommes schmecken. Naja, immer noch besser als das Essen wegzuschmeißen …

Quito (9)

Kurz darauf mache ich es mir im klimatisierten Bus bequem. Die Sitze sind echt breit und sehr komfortabel, allerdings für kleine Südamerikaner ausgelegt. Wo soll ich nur mit meinen Beinen hin? Ich versuche verschiedene Positionen, aber irgendwie finde ich keine vernünftige Stellung, das kann ja heiter werden, die Fahrt dauert schließlich 12 Stunden. Okay, dann widme ich mich halt erstmal dem Bordkino. Der gezeigte Actionfilm trifft zwar meinen Geschmack, aber trotzdem hätte ich gerne die spärlichen Dialoge mitverfolgt. Der Gute im Film ist leicht auszumachen, weil die Bösen alle tätowiert sind! Auf alle Fälle sind die drei Kids zwischen acht und zehn Jahren in der Nebenreihe bei dem nicht ganz altersgerechten Unterhaltungsprogramm voll dabei. Drei Stunden später erreichen wir Guaynquil – Rauchpause. Ich decke mich noch mit Getränken ein und dann geht es auch schon weiter. Obwohl ich weiterhin mit unterschiedlichen Schlafstellungen experimentiere, ist kein Land in Sicht. Eintrag ins Notizbuch: Beim nächsten Mal Valium und ein Kissen mitnehmen! Irgendwann schlafe ich doch tatsächlich ein und ruhe bis es langsam deutlich kälter wird. Als ich aufwache dröhnt die Klimaanlage nicht mehr, ich habe kalte Füße, mein Rücken ist die Hölle und ich friere! Die allgegenwärtige Kälte ist mir bereits in Mark und Bein gekrochen. Was für ein Mist! Offensichtlich haben wir die küstennahnen Landstriche verlassen und befinden uns jetzt in den Zentralanden. Ich blicke mich um, alle anderen Mitreisenden haben sich mittlerweile in ihre mitgebrachten Wolldecken eingerollt und schlafen friedlich – nächster Eintrag ins Notizbuch!

Die restliche Nacht bekomme ich kein Auge mehr zu! Nach vier Stunden geht langsam die Sonne auf, allerdings sind die Scheiben so mit Kondenswasser beschlagen, dass ich nicht wirklich etwas von meiner Umgebung erkennen kann. Nach einer gefühlten Ewigkeit erreichen wir endlich den Busbahnhof Carselen in Quito. Völlig gerädert steige ich aus. Erstmal den dicken Norwegerpulli aus dem Gepäck hollen! Kaum bin ich ausgestiegen, werde ich auch schon angequatscht: Taxi? Taxi! Jaja, schon gut, aber ich brauche noch ein bisschen, kein Stress, Bitte! Danke! Drei Minuten später werde ich in ein eher fragwürdiges Transportmittel verfrachtet und befinde mich auf dem Weg ins historische Zentrum. Ich bin so erschöpft, dass es mir völlig egal ist! Eine halbe Stunde später habe ich mein Ziel, das Hostal La Ronda erreicht. Sehr gut, die Türen sind verschlossen, eher nicht so gut! Ich klopfe und tatsächlich kommt jemand und öffnet die Tür. Hallo, I am Gloria! Sehr schön, ich checke ein, mein Zimmer, die Suite des Hauses – weil es eine Küchenzeile im Zimmer gibt – ist bereits vorbereitet und bezugsbereit! A dream comes true! Nach einem schnellen Frühstück schleppe ich mich in meine Suite und hole ein bisschen Schlaf nach, aber ich bin in Quito angekommen.

Quito ist die Hauptstadt Ecuadors und liegt im Guayllabamba-Becken in den Zentralanden. Das Hochplateau erstreckt sich in Nord-Süd-Richtung etwa 50 Kilometer und ist in Nord-Ost-Richtung nur 4 Kilometer breit. Die luftige Lage in 2850 m Höhe machen Quito zur höchstgelegenen Hauptstadt der Welt. Die Stadt befindet sich nur 22 km südlich des Äquators und beherbergt etwa 2,2 Millionen Menschen. Umgeben wird Quito von mehreren erloschenen Vulkanen, die teilweise deutlich über 4000 m hoch sind. Bei gutem Wetter soll man von Quito aus eine spektakuläre Aussicht auf den Vulkan Cotopaxi (5.897 m) haben. In der weiteren Umgebung befinden sich außerdem die aktiven Vulkane Cayambe (5.790 m) und Antisana (5.753 m) sowie der erloschene Illiniza (5.263 m). Kleiner Exkurs für unsere geographisch interessierten Leser …

Drei Stunden später klingelt der Wecker, ich muss aus den Federn, schließlich habe ich mich am Nachmittag zur Freewalking Tour angemeldet. Um 14:30 Uhr bin ich bei Community Adventures und es geht auch gleich los! Die nächsten drei Stunden geht es per Pedes durch das histroische Zentrum der Stadt, selbstverständlich UNESCO-Weltkulturerbe. Nach der üblichen Einführung starten wir am Mercado Central. Erster Stopp in dem Vorzeigemarkt ist ein Kräuterstand, die Apotheke der kleinen Leute. Danach geht es in die Obst- und Gemüseabteilung und zu den Blumenständen. Ich erfahre, dass in Ecuador etwa 60% der besten Kakaobohnen erzeugt werden und die hier gezüchteten Rosen alle kerzengerade Stengel haben, weil die Sonneneinstrahlung in Äquatornähe fast senkrecht ist. Danach geht es zum Plaza Sucre, benannt nach “dem” Helden des ecuadorischen Unabhängigkeitskampfes. Hier befindet sich das Teatro Bolivar, das wichtigste Schauspilehaus Quitos. Die Ausführungen über den anscheinend sehr speziellen Humor der Einheimischen erschließen sich mir nicht, aber offensichtlich stehen die Leute hier vor allem auf Situationskomik. “Sometimes you need only one word and the others start laughing”!??

Danach geht es zum “Herz” der historischen Altstadt, der Plaza de la Independencia. Die in der Mitte plätschernden Springbrunnen werden von typisch spanischer Protz-Kolonialarchitektur umschlossen. Der Präsidentenpalast, eine Basílica und das Luxushotel Plaza Grande können auf dem wirklich schön gestaltetem Platz bewundert werden, auch wenn das postmoderne Rathaus ein bisschen die koloniale Athmospäre stört. Passenderweise geht es jetzt um Politik. Warum, welcher Präsident, wie ermordet wurde, warum das eigentlich wirtschaftlich gut aufgestellte Ecuador nicht auf die Beine kommt und so weiter und so fort. Der zwanzig Minuten dauerne Streifzug durch die letzten 200 Jahre poltischer Entwicklung in Ecuador ermüden mich allerdings ein wenig. Natürlich ist alles sehr informativ, aber ich bin nach der letzten Nacht eher für leichte Kost!

Anschließend geht es zur ehemaligen Börse, heute Sitz der Münzsammlung und unsere Führerin versorgt mich weiter mit harten Fakten. Seit ein paar Jahren ist der US Dollar, die offizielle Währung des Landes. Davor konnte man mit dem Sucre bezahlen, der kam allerdings während der Bankenkrise vor zehn Jahren mächtig unter die Räder – ganz großes Kino! Der damalige Präsident, Wirtschaftswissenschaftler mit Havardabschluss, hat es in nur zwei Jahren geschafft, trotz sprudelnder Ölquellen im Amazonasgebiet, die Wirtschaft des Landes komplett an die Wand zu fahren. Danach wurde der Sucre abgeschaft und der mittlerweile in der Öffentlichkeit eher unbeliebte Präsident hat sich vorsichtshalber nach Panama abgesetzt! Während des äußerst ausführlichen Vortrages habe ich ernsthafte Schwierigkeiten wach zu bleiben. Danach wird es religös! Direkt neben der Börse befindet sich eine der 15 Kirchen innerhalb des histroischen Zentrums! Den Namen habe ich irgendwie vergessen. Auf alle Fälle sind die Ecuadorianer ziemlich römisch-katholisch, das Verhältnis zum Papst war mal schlecht, ist heute aber wieder besser und im Inneren der Kirchen ist fotografieren verboten – Schade eigentlich. Nächster Stop ist Sao Francisco, auch die goldene Kirche genannt. Im Inneren des Sakralbaues ist fast alles vergoldet, wer hätte es gedacht! Da gerade eine Messe gelesen wird, verziehe ich mich nach einem kurzen Blick wieder nach draußen, man will ja schließlich nicht stören.

Quito (29)

Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir La Ronda, wo sich auch mein gleichnamiges Hostal befindet. La Ronda ist ein kleines Viertel, eigentlich nur eine Straße, die das Quito der spanischen Kolonialzeit widerspiegelt. Die Häuschen sind schön renoviert, das Kopfsteinpflaster noch weitgehend orginal – Touristenklassiker, aber sehr nett. In jedem Haus befindet sich entweder ein handwerklicher Betrieb, ein Restaurant oder ein Hostal. Bewohnt werden nur die Herbergen und um 23:00 Uhr wird der Bordstein hochgeklappt. Damit ist meine Nachtruhe für die nächsten drei Tage gesichert. Wir schlendern noch um die Ecke, betrachten noch die Iglesia de Santo Domingo und ich verabschiede mich nach einer 10 US Spende von unserer Führerin. Wie alle Freewalking Touren, die ich bisher mitgemacht habe, hat sich auch diese gelohnt, in meinen Augen war sie, wie sagen es die Engländer immer: “Not so many details”. Trotzdem kann ich jedem die Tour nur empfehlen!

Anschließend mache ich mich in meiner Suite etwas frisch, möchte noch zum Essen gehen und danach ab ins Bett. Leider finde ich auf die Schnelle im Internet nichts vernünftiges. Also schlende ich gemütlich durch die Altstadt, irgendwas wird sich schon finden. Nach einem kleinen Spaziergang bin ich wieder an der Plaza de la Independencia. War hier nicht das erste Hotel am Platze? Natürlich! Die Speisekarte ist übersichtlich, das Preisniveau nicht übertrieben, der Service erstklassig und so lasse ich mir kurze Zeit später in ruhiger Athmospäre ein landestypisches “Goat Stew” schmecken – sehr lecker!

Am nächsten Tag bin ich um 10 Uhr verabredet. Mein Date heißt Moshen, ist Elektroingenieur aus Syrien, hat zehn Jahre in Bremen gelebt und angeboten mich einen Tag in Quito zu begleiten. Eine Woche bevor ich in die Hauptstadt aufgebrochen bin, habe in der Facebookgruppe “Deutsche in Ecuador” mein Eintreffen angekündigt und nachgefragt, ob jemand Lust hat mir die Stadt zu zeigen. Mosham hat sich gemeldet und heute treffen wir uns. Treffpunkt ist die “Ecation Marin Central” unweit von meinem Hostal. Wir sind beide pünktlich, kurzes kennenlernen, passt und dann geht es auch schon los. Erster Programmpunkt ist die Besteigung des Rucu Pichincha Vulkans. Haha, natürlich schleppe ich mich nicht die knapp 1300 Höhenmeter auf den über 4000 m hohen Gipfel, sondern wir benützen die “TelefériQo”, genannte Seilbahn. Mit dem Taxi geht es zur Talstation und nach einer atemberaubenden 15 minütigen Seilbahnfahrt befinden wir uns auf 4050 m. Der Ausblick ist überwältigend! Unter mir quetscht sich die Stadt in das schmale Guayllabamba-Becken! Wohin das Auge blickt, Häuser, Häuser, Häuser … Während der gegenüber liegende Vulkankegel die Ausbreitung der Stadt nach Osten begrenzt, ist in Nord-Süd-Richtung kein Ende des Häusermeers zu erkennen. Wir machen eine kleine Rundwanderung und erklimmen verschiedene Aussichtspunkte. Leider ist es heute bewölkt und so bleibt mir der Anblick des schneebedeckten Gipfels des Cotopaxi Vulkans verwehrt. Macht aber nichts, weil die Aussicht auch so schon spektakulär genug ist! Nach einer Stunde ist es aber mit der schönen Aussicht vorbei, mittlerweile schieben sich dicke Wolken langsam über die Hänge der Vulkane nach oben – auch ziemlich cool!

Wir machen uns zur Seilbahn auf und eine halbe Stunde später wird die Luft wieder dicker. Mittlerweile ist es Mittag und die kurze Wanderung hat uns hungrig gemacht. Mit dem Bus geht es in die Altstadt zurück und danach mit dem Taxi nach La Mariscal. Kurze Zeit später befinden wir uns am Plaza Foch, dem Zentrum des bei europäischen Backpackern so sehr beliebten Partyviertels. Wahrscheinlich nennen die Einheimischen die Lokation nicht umsonst „Gringolandia“. Es gibt ungezählte Bars, Restaurants und Hostels, aber in diesem Fall genau das, was wir brauchen. Ich möchte mal wieder indisch Essen und deshalb sind wir hier genau richtig. Einen kleinen Spaziergang vom Plaza Foch entfernt finden wir ein kleines indisches Restaurant, allerdings bin ich der einzige Tourist. Vor allem Einheimische tummeln sich in dem Laden, das kann kein schlechtes Zeichen sein. Nach einem reichhaltigen Mittagessen mit Chicken Tandoori, Tikka Masala, Nanbrot und reichlich Reis rollen wir wieder auf die Straße. Zum Verdauen schlendern wir über den Mercado Artesanal, wo allerlei Kunsthandwerk aus Ecuador verkauft wird. Natürlich ist die Geschichte der übliche Touristennepp, aber ich kann mein obligates Souvenir – ein T-Shirt – erstehen. Mittlerweile ist es Nachmittag, ich bin erschöpft und so trennen sich unsere Wege wieder. Hey, Moshen, vielen Dank für deine Begleitung, die vielen Infos und den ausgesprochen kurzweiligen Tag! Fettes Like! Hat echt Spaß gemacht!

Ich fahre mit dem Taxi in die Altstadt zurück, habe allerdings noch eine Mission. Ich brauche immer noch eine Nationalfahne von Ecuador. Im Viertel neben der Altstadt, gibt es zahlreiche kleine Läden, da werde ich es mal versuchen. Ich schlappe ein bisschen ziellos durch die ziemlich steil abfallenden Straßen bis ich endlich vor einem Stoffgeschäft mit Nationalfahnen im Schaufenster stehe. Also nix wie rein und Volltreffer. Es gibt zwar keine richtigen Fahnen, aber dafür die Nationalflagge von der Rolle. Ich nehme einen halben Meter Ecuador und erkundige mich, ob sie die Ränder einsäumen können. Nee, eher nicht, aber zwei Blocks weiter soll´s einer können. Okay. Guten Mutes mache ich mich wieder auf. Und tatsächlich zwei Straßen weiter, entdecke ich die “Casa de Banderoles”. Im Schaufenster hängen unterschiedlichste Fahnen, sogar eine deutsche – hier bin ich bestimmt richtig. Der Fahnenhersteller spricht englisch und so besprechen wir mein Anliegen. Einsäumen ist kein Problem, zusätzlich kommen noch zwei Ösen an den Rand und die Seite wird noch mit einem stabilen Band verstärkt – Super. Ich soll am nächsten Morgen wieder kommen und dann ist alles fertig! Wir unterhalten uns noch ein bisschen und dann geht´s zurück ins Hostal.

Am nächsten Tag ist wieder volles Program angesagt. Zuerst die Fahne abholen, um 11 Uhr startet die Hoppon, Hoppoff Bustour und abends steht ein ausgewählter Restaurantbesuch an. Hört sich nach einem guten Tag an. Um 10 Uhr stehe ich wieder vor der Casa de Banderoles und wie versprochen ist meine Fahne fertig. Ich bezahle 3 US und bringe das gute Stück zurück ins Hostal. Um kurz vor 11 Uhr bin ich an der Bushaltestelle und komme mit zwei Beamten der Policia Touristica ins Gespräch. Mehrmals wir mir versichert, dass hier alles sicher ist, nur da und dort sollte man nicht hin gehen. Okay, alles klar, hatte ich eh nicht vor. Pünktlich steht der typische Doppeldeckerbus auf der Matte und es kann losgehen. Nächster Halt Plaza Grande, hier können sie dies und das sehen, außerdem befindet sich auf der Rückseite von XY das Innenministerium. Aha, das Innenministerium! Sehr interessant! Bei meiner Einreise hat der Beamte von der Einwanderungsbehörde behauptet, ich dürfte nur 30 Tage in Ecuador bleiben und müsste danach meinen Aufenthalt verlängern. Allerdings bin ich mir sicher, als EU-Bürger 90 Tage bleiben zu können. Da der Bus einmal in der Stunde vorbei kommt, beschließe ich auszusteigen und die Geschichte mit den Fachleuten aus der Hauptstadt zu klären. Glücklicherweise ist das Ministerium leicht zu kennen. Vor dem imposanten Kolonialgebäude patroullieren zwei Uniformierte. Ich werde durchgelassen und zur Information geschickt. Die Dame am Schalter spricht besser englisch als ich. Ich erkläre mein Problem, sie nickt verständnisvoll und verweist mich ans Außenministerium. Das ist nur ein paar Minuten von hier entfernt, ich bekomme einen Zettel mit der Adresse, schnappe mir das nächste Taxi und werde kurz darauf im Außenministerium vorstellig. Hier wieder das gleiche Spiel. Ich erkläre das Problem, gebe der Dame meinen Pass, kurze Kontrolle und danach Entwarnung. Selbstverständlich kann ich mich problemlos 90 Tage in Ecuador aufhalten – Sehr schön, wieder ein Problem gelöst …

Da schon wieder Mittag ist, genehmige ich mir einen kleinen Snack und sitze zwei Stunden später wieder im Bus. Die Rundfahrt dauert insgesamt drei Stunden und wieder geht es an Kirchen, Denkmälern und geschichtsträchtigen Plätzen vorbei. Höhepunkt ist allerdings die Fahrt auf den El Panecillo (deutsch “das Brötchen”) einem 200 Meter hohen Hügel mitten in der Stadt. “Hier befindet sich die Virgen de Quito, eine 45 m hohe Aluminium-Madonna. Die Jungfrau steht auf der Oberseite einer Kugel und tritt auf eine Schlange, was ein klassisches Madonnenbildnis darstellt. Der bronzenen Plakette auf dem Monument zufolge ist die Frau, welche von der Statue dargestellt wird, die Frau der Apokalypse, wie sie im Buch der Offenbarung beschrieben wird (Offenbarung 12: 1-18)“, aus Wikipedia. Außerdem hat man von hier oben, einen schönen Blick über die Altstadt.

Am späten Nachmittag bin ich wieder im Hostal, kurz die Frisur auffrischen und ab zum absoluten Highlight des Tages: Ich habe einen Tisch im Restaurant ZaZu reserviert und freue mich schon den ganzen Tag auf ecuadorische Fusionsküche. Hier wird landestypische Küche auf hohem Niveau, also in sehr lecker, mit internationalen Einschlägen kredenzt. Nach dem dreitägigem Touristress eine schöne Belohnung. Der Laden ist geschmackvoll eingerichtet, die Anzahl der Tische übersichtlich, sehr schön. Ich studiere das achtgängige Tastingmenü und Jackpot, es gibt Meerschweinchen, damit ist die Geschichte schon entschieden. Die nächsten drei Stunden stehen absolut im Zeichen des Genusses. Ich will euch nicht mit der Menüfolge langweilen, aber das Cuy war schön zart und durchaus delikat … Im Laufe des Abends komme ich mit dem Sommelier ins Gespräch, lerne einen Lokalpolitiker aus Guaynquil beim Rauchen kennen und verbringe einen schönen, letzten Abend in Quito.

Anderntags klingelt der Wecker um 5 Uhr, ich muss packen, weil ich um 6 Uhr am Terminal Terrestre Quitumbe sein will, um ins 10 Stunden entfernte Guaynquil zu fahren und diesmal möchte ich auch etwas von den Anden sehen. Anders als im Bahnhof Carselen, ist Quitumbe echt riesig. Vor hier aus kann man das ganze Land, sowie die Anrainerstaaten mit dem Bus bereisen. Ich habe Glück und sitze um kurz vor acht im richtigen Bus! Zwei Stunden lang quält sich der Reisebus durch den Verkehr der Stadt, bis es endlich etwas zügiger vorangeht. Wir lassen die letzten Häuser Quitos hinter uns und es geht durch die Anden Richtung Meer. Das Gebirge ist deutlich grüner als ich es mir vorgestellt hatte. Obwohl wir uns immer noch auf über 2500 m befinden, sind die Vulkanhänge voller Bäume und Sträucher. Alles ist grün, grüner, am grünsten! Vier Stunden lang geht es in mehr oder weniger engen Serpentinen nach San Domingo am Rande der Anden. Von hier sind es nochmal fünf Stunden bis Guaynquil. Wir durchqueren üppige Agralandschaften mit riesigen Mais- und Reisfeldern und ausgedehnten Palmen- und Bananenplantagen. Die Busfahrt ist echt toll, aber insgesamt ziemlich lang. Nach 12 Stunden steige ich am Terminal Terrestre aus und bin am Ende.

Glücklichweise dauert die Fahrt zum Hotel Central nur fünf Minuten, da es bereits stockdunkel ist fällt die geplante Stadtbesichtung erstmal aus. Ich checke schnell ein, kurze Besichtung meines Zimmers – es gibt eine Badewanne! Eine echte, richtige Badewanne, ich kann´s kaum glauben! Die letzte Badewanne habe ich vor drei Jahren gesehen! Damit ist das Abendprogramm klar. Ich gehe im Hotelrestaurant noch was essen und danach ab in die Badewanne, ein bisschen im Internet surfen – herrlich! In der Morgendämmerung wache ich auf, bis zur Eröffnung des Frühstüksbuffets dauert es noch eine Stunde, also erstmal ab in die Wanne und im warmen Wasser richtig aufwachen. Sehr guter Start in den Tag! Ich genehmige mir eine Morgenzigarette vor dem Hotel und stelle fest, dass ich mich direkt gegenüber der durchaus imposanten Kathedrale von Guaynquil befinde. Nicht schlecht! Um die Ecke befinden sich einige Museen, ein paar Regierungsgebäude und andere Sakralbauten. Echt nett! Ich würde mich ja nach dem Frühstück gerne nochmal ein bisschen in der Umgebung umsehen, geht aber leider nicht, weil ich am Vormittag dem örtlichen Mega-Kywi (Baumarkt, Tipp von Moshen) einen Besuch abstatten will. Ich brauche überlange Expander für die Solarpanels, ein paar neue Bohrer, Ersatzwantenspanner für den Notfall usw…! Außerdem soll sich um die Ecke das „Naval Hydrographica Institute“ befinden und da soll es Seekarten geben. Also mal wieder volles Programm bis Mittag!

Nachdem Frühstück geht es ab in den Baumarkt. Der ist riesig und ein wahrer Seglerhimmel. Ich bekomme alles was ich brauche und sogar einen Satz Cobaldbohrer. Ich bin glücklich und zufrieden und verlasse 100 US später den Laden wieder. Zurück zum Hotel und die Beute erstmal im Rucksack verstauen. Danach mach ich mich auf die Suche nach dem hydrographischem Institut. Das ist allerdings „mucho complicado“. Ich habe keine exakte Adresse, sondern weiß nur das sich das Geschäft im „Goveners Palace“ befinden soll. Okay, ich frage mich zum Rathaus durch oder war der Regierungssitz gemeint? Keine Ahnung! Meine Suche nach dem Laden bleibt zwar erfolglos, aber ich bekomme doch noch einiges von Guaynquil zu sehen, auch nicht schlecht. Die Stadt gefällt mir, ich hoffe die Vorbereitung für die Pazifiküberquerung lassen nochmal einen Besuch zu. Es würde sich allein schon wegen der Badewanne rentieren!

Quito (50)

Gegen Mittag mache ich mich zum Terminal Terrestre auf und organisiere ein Ticket nach Libertad. Das Busterminal ist noch größer als in Quito und wahnsinnig unübersichtlich. Es gibt drei Etagen! Nach 20 Minuten finde ich die Ebene mit den Ticketschaltern – Super! Allerdings gibt es insgesamt 120 verschiedene Schalter! Jeder Schalter hat nur ein bestimmtes Ziel. Unglücklicherweise sind diese nicht regional geordnet, sondern bunt gemischt. Nach mehreren Nachfragen bin ich am Schalter 78 richtig und drei Stunden später wieder in der Marina! Die fünftägige Exkursion war spannend, hat mir Spaß gemacht und die Reiselust in mir wieder geweckt. In zwei Wochen kommt Balu und dann geht es weiter.

Fair winds und bis bald,

eure Badenixe von der Auriga

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Hin (48)

Nach der anstrengenden Überfahrt, dem Einklarierungsstress und dem zweiten Abgang vom Kleinen bin ich doch erschöpfter als gedacht. Konsequenterweise verordne ich mir die nächsten drei Tage erstmal absolute körperliche Schonung. Die Ruhe tut mir ausgesprochen gut, ich genieße das Alleinsein und ich beginne wieder neue Kräfte zu sammeln, schließlich bin ich nicht nur zum Vergnügen in Puerto Lucia. Am Freitag raffe ich mich auf und werfe einen ersten Blick auf meine to-do-Liste – ups! Mehr als zwei Seiten Arbeit warten auf mich. Vieles sind nur Kleinigkeiten, die in einer Stunde erledigt werden können, aber es finden sich auch ein paar echt harte Brocken auf meiner Liste …

Zum Warm werden beginne ich erstmal mit den einfachen Sachen: Deck aufklaren, ein paar lockere Schrauben hier und da ersetzen, über dem Klo wird eine neue Lampe installiert usw… Danach geht es aber ans Eingemachte. Die eigentlich rostfreien V4A-Schrauben der Rettungsinselhalterung sind völlig durchgerostet, geradezu verrottet und müssen bereits nach 3 Jahren ausgetauscht werden. Liebe Hersteller von Plastimo, echt super Material was ihr da verwendet! Die Demontage der Haltervorrichtung ist kein Problem, nach einer Stunde halte ich sie in den Händen und beginne erstmal mit der Entrostung. Eine weitere Stunde später strahlt sie wieder im Sonnenlicht. Danach noch schnell die Bohrlöcher im Deck reinigen und dann kann alles wieder eingeklebt werden, falls ich noch entsprechende Schrauben habe – Natürlich nicht, wie kann es auch anders sein. Ich hatte zwar von Birger vor der Abfahrt noch welche geschnorrt, aber die sind unglücklicherweise zu kurz!

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Ich erkundige mich an der Hotelrezeption nach einer Ferreteria und werde an den lokalen Markt in La Libertad verwiesen. Alles klar, ein paar Minuten später mache ich mich auf und bin eine halbe Stunde später vor Ort. Mein Herz beginnt sofort vor Freude zu hüpfen, ich fühle mich wie in Santa Marta´s Eisenwarenviertel. Wohin, das Auge blickt Ferreterias, also nichts wie los! Ich brauche „Tornillos inoxidables” mit der Kennzeichnung 316 (316 entspricht auf dem amerikanischen Kontinent, dem europäischen V4A-Stahl). Oh, mucho complicado! Versuch´s mal da drüben, auch nicht, dann halt gegenüber, nein, vielleicht in der nächsten Straße … Ich kämpfe mich langsam in die Innereien des riesigen Marktes vor und werde letztendlich doch noch fündig. In der Seitenstraße, einer Seitenstraße finde ich einen ganz kleinen Laden mit der Aufschrift “Inoxidable” – Volltreffer. Ich ziehe meine Referenzschraube aus der Tasche, schaue in verständnisvoll nickende Gesichter und kann die begehrte Edelstahlware kurze Zeit später in meinem Rucksack verstauen.

Ich liebe diese Orte und damit meine ich nicht nur lokale Märkte sondern auch abgelegene Viertel in einer Stadt, wo sich das echte Leben der Einheimischen abspielt. Die großen Shopping Malls oder Einkaufsstraßen in den Innenstädten sind doch irgendwie alle gleich. Die auf Hochglanz polierten Konsumtempel sind doch ohne Seele und meistens ausgesprochen langweilig. Immer nur Klamotten, Schuhe, moderne Telekommunikation, immer die gleichen Marken und die immer gleichen Fastfoodketten. Okay, hin und wieder findet sich mal ein Baumarkt oder was Ausgefallenes, aber sonst …! Wer allerdings schon mal versucht hat Epoxidharz oder Aceton in Südamerika zu besorgen, weiß was ich meine. Man wird von A nach B geschickt, viele Tipps sind eine Sackgasse, aber es ist immer spannend und man sieht die ungewöhnlichsten Orte und trifft auf unglaubliche Menschen. Jeder neue Laden ist wie ein Überraschungsei. Manchmal hat man Glück und manchmal klappt es halt einfach nicht. Obwohl manche Ecken für europäische Verhältnisse teilweise echt gruselig sind, halte ich mich immer an die Devise: Wo Kinder auf der Straße spielen, kann es nicht gefährlich sein. Seit ich unterwegs bin, habe ich vor allem auf der Suche nach Ersatzteilen, so manchen schrägen Läden abseits der ausgetrampelten Touristenpfade kennen- und schätzen gelernt. Wahrscheinlich ist das die wesentliche Erfahrung und der eigentliche Gewinn auf dieser Reise. Vielleicht könnte es auch eine neue Geschäftsidee sein! Besuchen sie XY und versuchen sie eine Seewassertoilettendichtung zu besorgen! So lernen Sie Land und Leute wirklich kennen – Abenteuer inklusive!

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Weil ich sowieso schon da bin, schaue ich mir natürlich gleich den restlichen Markt an. Obwohl die meisten Straße ziemlich verschlammt sind, weil nur die Hauptstraßen geteert sind und es gerade jeden zweiten Tag regnet, ist es doch unglaublich sauber hier. Der sonst allgegenwärtige Plastikmüll ist nur sporadisch zu sehen, hier kann Ecuador zum ersten Mal richtig punkten. In der Fischhalle werden Riesenscampis für 5 US/Kilo angeboten. Der Thunfisch ist fangfrisch, die Goldmakrelen sehen echt lecker aus. Ich muss hier raus, bevor ich in einen Kaufrausch verfalle, schließlich ist mein Kühlschrank noch gut bestückt. Danach geht es zu den Metzgern und anschließend zu den Obst- und Gemüsehändlern. Das Preisniveau liegt noch unter dem von Kolumbien, was allerdings am niedrigen Wechselkurs zum US-Dollar liegt. Ich genieße die Atmosphäre in vollen Zügen! Obwohl ich wahrscheinlich der einzige Tourist bin, falle ich nicht weiter auf. Überall stehen am Straßenrand Garküchen herum. Ich genehmige mir noch einen Spanferkeldöner mit Bratensoße – sehr, sehr lecker und mache mich wieder auf den Weg. Der Markt hat mich bestimmt nicht zum letzten Mal gesehen! Zurück an Bord kann die Halterung wieder eingeklebt werden und mein Tagwerk ist erfüllt.

Am nächsten Tag ist der Deckenstauraum in Felix ehemaliger Kabine dran. Während der 40 Knoten Wind vor Anker auf den San Blas Inseln hat sich das Vorschiff so verformt, dass sich der Stauraum um über 5 cm abgesenkt hat. Nachdem die Kabine von den Hinterlassenschaften des Kleinen gereinigt ist, kann es los gehen. Natürlich ist der Einbau nicht nur verschraubt sondern auch verklebt. Unter wüsten Verwünschungen und Flüchen gelingt es mir, das blöde Ding in nur drei Stunden mit Hammer, Meisel und Schraubenzieher in seine Einzelteile zu zerlegen. Kurze Pause und der Zusammenbau beginnt! Zuerst werden die Halteleisten an der Decke wieder in Position gebracht und danach ist der Rest eigentlich relativ schnell erledigt, ich habe den restlichen Sonntagnachmittag frei und kann mich meinen vier verletzten Fingern widmen. Ich sonne mich gerade in meinem eigenen Erfolg, als plötzlich Toumo von der SY Panacea vor mir am Steg steht. Was für eine schöne Überraschung! Wir haben den Finnen mit seiner Familie in Santa Marta kennengelernt und danach irgendwie aus den Augen verloren. Er will am Sonntag mit seiner Swan 57 in die Marina einlaufen, ich verspreche natürlich zu helfen und wir verabschieden uns sehr herzlich. Am nächsten Tag bin ich Gewehr bei Fuß und nach einer Stunde ist die SY Panacea mit reichlich Tauwerk festgemacht. Wir verabreden uns zum Sundowner und mein Sozialleben ist gerettet. Obwohl meine kanadischen Nachbarn sehr nett sind, liegt die fünfköpfige Wikingerfamilie doch deutlich mehr auf meiner Linie. Liegt wahrscheinlich daran, dass wir im gleichen Alter sind. Allerdings ist Sohnemann nach der anfänglichen Freunde ein wenig betrübt, als er erfährt, dass Felix nicht mehr an Bord ist. Die beiden Jungs haben in Santa Marta hin und wieder zusammen Minecraft gespielt und offensichtlich hat der Kleine das noch gut in Erinnerung! Sorry, ich hätte meine beiden Süßen auch gerne an Bord …

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Die nächsten Tage vergehen wie im Flug, ich arbeite bis zum Nachmittag am Boot, abends treffe ich mich mit der Panacea-Crew, dazwischen einkaufen, den lokalen Markt besuchen, Kleinkram besorgen, Kontakt mit Familie und Freunden usw! Die Finnen und ich tauschen reichlich Daten aus, Festplatten wandern mal wieder über den Steg. Interessant wird es aber beim Abgleich der Seekarten für den Südpazifik. Beim Aufräumen meiner Auriga habe ich in den Backskisten doch glatt noch ein paar brauchbare Seekarten entdeckt! Glücklicherweise haben wir jeweils unterschiedliche Karten von den Marquesas, dem Touamoto-Archipel, Tahiti, Fidschi, den Gesellschaftsinseln, den Marshall- und Cookinsel, sowie von Neukaledonien. Okay, die mir fehlenden will ich natürlich haben. Laut meines Guides für La Libertad soll es hier einen Copyshop geben, der A0 und A1-Formate kopieren kann. Ich nehme an einem Vormittag die Sache in die Hand und latsche zur 2 km entfernten Adresse. Allerdings ist kein Kopierladen in Sicht, sondern nur ein PC-Shop. Ich entere das Geschäft und mache mein Begehr verständlich. Nee, kopieren kann er nicht, aber er weiß wo das möglich sein sollte! Während er die Adresse aufschreibt, kommt ein Taxler ins Geschäft – perfekte Fügung – er erklärt ihm auf spanisch wo der Shop ist und schon geht es los.

Unser Ziel ist Sankt Elena, das etwa 15 Km entfernt ist, wir finden nach mehrmaligem Nachfragen den Laden, ich bezahle 5 US für die Fahrt und eine Stunde später halte ich 15 kopierte Seekarten in den Händen – Super! Höchstzufrieden fahre ich in die Marina zurück, die Finnen sind genauso begeistert wie ich. Jetzt heißt es aber zunächst von meinen neuen Freunden Abschied nehmen, weil ich nach dem ganzen Renovierungsstress ein wenig Urlaub verdient habe. Die Wikinger versprechen auf meine Auriga aufzupassen und am Abend nehme ich den Nachtbus nach Quito, um die Hauptstadt Ecuadors für ein paar Tage zu erkunden …

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Fair winds und bis bald,

euer Heimwerker von der Auriga

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Salinas (9)

Nachdem ich in der Marina eingecheckt habe, erklärt mir Diana vom Marinaoffice, dass einklarieren heute nicht mehr is, weil Samstag und vor Montag läuft gar nix. Okay, mir auch egal! Wir dürfen nachher in der Marina festmachen, müssen aber am Montagmorgen diese wieder verlassen und vor der Einfahrt ankern, wenn die Offiziellen kommen, weil wir keinen Fuß auf ecudorianisches Festland setzen dürfen, solange wir nicht einklariert haben! Wir sollen uns doch bitte bis dahin in der Marina aufhalten. Was für ein Unfug! Eine halbe Stunde später legen wir römisch-katholisch am Schwimmsteg an und können uns erstmal 36 Stunden erholen. Alles erstes wird die Klimanlage in Betrieb genommen. Was für ein Luxus! Danach ist erstmal eine Dusche fällig. Da die Marina an eine Hotelanlage angschlossen ist, sind die Duschen echt klasse. Was für eine Wohltat für Körper und Seele. Als nächstes ab ins Restaurant! Ein komplettes Menü und eine Flasche Wein später bin ich glücklich und zufrieden. Ich bin in Ecuador angekommen – nicht offiziell, aber physisch!! Danach wird erstmal die an die Marina angschlossene Hotelanlage inspiziert. Ich entdecke zwei Polllandschaften, drei unterschiedliche Duschmöglichkeiten, einen Fitnessraum – nicht schlecht, jetzt muss nur noch das Wetter mitspielen.

Die Anstrengungen der letzten Tage fordern ihren Tribut und wir gehen früh schlafen. Am nächsten Morgen, es ist Sonntag, hält mich natürlich nichts in der Marina, ich will die Umgebung erkunden. Die Jungs vom Sicherheitsdienst am Eingang in die Ferienanlage machen keine Probleme und so schlappe ich in die Stadt. Nur einen Kilometer entfernt soll sich eine Shopping Mall befinden. Obwohl wir uns etwas außerhalb des Zentrums befinden, ist es überall unglaublich sauber. Vieles erinnert mich hier irgendwie an Kolumbien. Nicht der allgegenwärtige Dreck wie in Panama. Ich glaube, hier werde ich mich die nächsten vier Wochen wohlfühlen. Nach einer viertel Stunde erreiche ich die El Paso Shopping Mall. Hier befinden sich die üblichen Täter. Der SuperU ist eine Mischung aus Ferreteria, Spielzeugladen und Supermarkt. Ich gehe die Sache systematisch an und kämpfe mich mäanderförmig durch die Regalwände. Unerfreulicherweise ist das Sortiment äußerst US-lastig, aber die wichtigsten Lebensmittel sind vorhanden. Leider ist kein vernünftiges Brot in Sicht, nur die lapprigen, überzuckerten US-Toasts werden angeboten. Mein Gott, wie ich richtiges, gutes Brot mittlerweile vermisse! Ein Königreich für eine deutsche Bäckerei.

Salinas (7)

Ich kaufe ein bisschen frisches Obst und Gemüse ein und natürlich Bier, schließlich ist heute Abend der Superbowl angesagt. Ja is denn schon wieder Superbowl? Ich erinnere mich noch genau, vor einem Jahr waren wir in der Marigot Bay, St. Lucia und haben unser erstes Footballendspiel live miterlebt! Leider wird’s nichts mit einem bierseeliegen Abend, weil der Alkoholverkauf am Sonntag in Ecuador verboten ist. Okay, dann genießen wir den Abend eben mit naturtrübem Apfelsaft. Das Spiel ist abwechslungsreich, am Ende versaut es aber der Quaterback der New England Patriots und die Eagles gewinnen den Superbowl. Insgesamt ein netter Abend mit dem Kleinen, der als echter Footballfan voll dabei ist. Am nächsten Morgen stehen wir um 07 Uhr auf der Matte. Ich latsche um 08 Uhr ins Marinabüro, aber das ist noch geschlossen. Ein Marinero erklärt mir, dass das Büro am Montag erst um 08:30 Uhr öffnet. Okay, eine halbe Stunde später das gleiche Spiel. Das Office hat zwar mittlerweile geöffnet, aber Diana kommt erst um 9 Uhr! Ich bekomme schon wieder Kopfschmerzen!

Salinas (10)

9:10 Uhr, ich stehe wieder im Büro, Diana ist auch da und wir klären den Einklarierungsprozess. Um 10 Uhr kommen die Marineros und helfen uns beim Ablegen, danach sollen wir vor der Marina ankern und auf die Behörden warten. Die sollen laut Diana zwischen 11 und 15 Uhr kommen. Das heißt mal wieder warten, warten, warten… Ist ja an sich kein Problem, aber mir gehen gegen 11 Uhr die Zigaretten aus – gar nicht gut! 15 Uhr keine Behördenvertreter in Sicht, 16 Uhr mein Nikotinentzug nähert sich dem Höhepunkt. 17 Uhr ich winke einem Marinero und lasse mich zum Marinabüro schippern. Diana holt gerade die Offiziellen ab und ist in einer viertel Stunde wieder zurück. Okay, ich lasse mich zurück zum Boot bringen und warte weiter. Keine 5 Minuten später klopft es am Boot und die Behörden sind da. Insgesamt vier Leute entern unsere Auriga – please do not touch the Windpilot, when you come on Bord! Danke! Natürlich grapscht jeder nach der Windfahnensteuerung. Ich werde ein Piktogramm – Vorsicht Explosiv oder atomare Strahlung – anbringen um das in Zukunft zu verhindern, schließlich ist der Autopilot ein empfindliches Instrument und keine Einstiegshilfe!

Salinas (8)

Danach machen sich jeweil ein Vertreter vom Zoll, der Hafenverwaltung, der Einwanderungs- und Gesundheitsbehörde im Salon breit. Außerdem ist Diana zum Dolmetschen an Bord. Unzählige Formulare müssen ausgefüllt werden. Insgesamt ist alles jedoch weniger kompliziert als in Panama. Nur der Vertreter der Gesundheitsbehörde macht Probleme, weil ich kein Gesundheitszertifikat für meine Auriga habe. Nein, das Schiff wurde noch nie ausgeräuchert! Warum auch? Ich habe außer Herbert, meinem Gecko keine Tiere an Bord. Mich interessiert aber in erster Linie der Einreisestempel. Bereits zum 17-ten mal blättert der Typ von der Einwanderungsbehörde meinen Pass durch. Der ersehnte Stempel ist zum Greifen nahe, durchgeladen ruht er auf einer leeren Passseite. Alles klar Baby, du musst nur noch abdrücken! Erneut stört der Gesundheitsvertreter, mein Pass wird wieder zugeklappt. Nein, Nein, Nein! Okay, was muss ich tun, um das Scheiß-Gesundheitszertifikat zu bekommen? Alles kein Problem, 100 US später ist die Sache geritzt! Ich bekomme ein Gesundheitszertifikat mit einer Gültigkeit von 6 Monaten und der ersehnte Einreisestempel landet in meinem Pass! Hurra, ich bin legal in Ecuador und die Behördenvertreter waren korrekt und echt freundlich.

Ein Marinero holt die Behördenbande ab und wir gehen ein paar Minuten später Anker auf. Unglücklicherweise haben wir beim Anlegen an unseren alten Liegeplatz 20 Knoten Seitenwind! Vorwärts ist das ja kein Problem, aber rückwärts einparken unter diesen Bedingungen kann ziemlich difficil werden. Und es wird äußerst schwierig, bzw. ein echtes Desaster. Während ich mit viel Speed noch problemlos rückwärts in die Boxengasse komme, verweigert meine Auriga danach jedes weitere Manöver. Ich lege das Ruder maximal nach Backbord, fahre aber weiter gerade aus! Scheiße! Die Wellenbrecher kommen bedrohlich nahe, also Vorwärtsgang rein und die Dicke nach Steuerbord drehen …. Was soll ich sagen, wir schlagen zwei mal quer, kommen dann aber mit vielen helfenden Händen doch noch heil am Steg an. Glücklicherweise hat meine Auriga keine Schäden davon getragen. Ich bin schweißgebadet und mit den Nerven fertig. Jetzt erstmal eine rauchen! Geht aber nicht, weil keine Zigaretten mehr an Bord sind. Okay, ich mache das Boot fest und bin zwei Minuten später unterwegs Richtung Tabakladen!

Salinas (4)

20 Minuten später habe ich ein „Producto Toxico“ zwischen den Lippen, lasse das ersehnte Nikotin durch meine Lungen strömen und komme langsam wieder runter! Ich kaufe noch ein bisschen ein und schlappe deutlich entspannter zum Boot zurück. Der Kleine hat inzwischen gepackt und ist Abreise bereit. Er will mit dem Bus am Abend zuerst nach Quito und danach weiter nach Kolumbien. Wir verabschieden uns und dann kehrt Ruhe im Boot ein. Ein Chili con Carne später mache ich es mir vor dem Computer gemütlich und schaue mir einen Film an. Der letzte Teil der „Hungergames“ steht auf dem Programm, sie laufen gerade eine knappe Stunde als jemand meinen Namen ruft. Helmut, Helmut … Ich schäle mich aus dem Sofa und der junge Mann steht wieder vor dem Boot. Der Bus nach Quito war leider schon voll. Immerhin hat er Wein und Bier mitgebracht und ein Ticket für den Bus am nächsten Abend. Ich kann ihn ja schlecht nachts am Steg stehen lassen – obwohl die Liegen am Pool in der Marina auch sehr gemütlich aussehen – und selbstverständlich kann er noch eine Nacht bleiben.

Am nächsten Morgen mache mich ich mich nach Salinas auf, schließlich muss das Boot in den nächsten Wochen für die Pazifiküberquerung fit gemacht werden und da ist noch einiges zu erledigen. Am Nachmittag bricht der Kleine erneut auf. Ich wünsche Dir viel Glück, viel Spaß und weitere wertvolle Erfahrungen auf deiner Reise durch Südamerika! Er ist zwar manchmal während seiner Wachen eingeschlafen – hat sich insgesamt gut an Bord geschlagen und wurde vor allem nicht seekrank! Kompliment junger Mann! Die Stimmung an Bord war gut und ich werde nach dieser positiven Erfahrung in Zukunft wahrscheinlich wieder Fremde mitnehmen, wenn ich längere Strecken alleine segeln muss. Allerdings keine Jungspunde oder Segelanfänger mehr, sondern lieber Menschen mit ein bisschen mehr Lebens- und Segelerfahrung. Tja, wieder was gelernt …

Salinas (3)

Fair winds und bis bald,

vom Hostal Auriga

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Erste Schritte (18)

Wenn man den wirklich erfahrenen Langfahrtenseglern glauben darf, dann hat jedes Meer und jeder Ozean seine Eigenheiten und jeder will auf seine ganz eigene Weise besegelt werden. Da bin ich ja mal gespannt, was der Pazifik für ein Typ ist. Der erste Ausflug auf die Las Perlas Inseln war nichts Besonderes und reicht nicht mal für einen ersten Eindruck. Aber das wird sich jetzt ändern! Nach einer erholsamen Nacht ohne Schwell vor Contadora, klaren wir am nächsten Morgen auf. Auf nach Ecuador … Bis zu unserem Ziel Salinas liegen knapp 700 Seemeilen vor uns. Ich plane die Strecke in drei Etappen zurückzulegen. Erster Stopp ist die Isla Gorgona, 20 Seemeilen westlich der kolumbianischen Küste. Kurs Süd-West, Entfernung 370 Seemeilen, ETA in drei Tagen. Da für die nächsten Tage Nordwind mit 15 – 20 Knoten im Golf von Panama angesagt sind, hoffe ich, die ganze Strecke unter Segeln zurücklegen zu können.

Erste Schritte (20)

Kaum haben wir unseren Ankerplatz verlassen, sind aus der Landabdeckung von Contadora heraus, wird die Windfahnensteuerung in Position gebracht und wir können Segel setzen. Der angesagte Nordwind bläst uns gle

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