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Dienstag, 26.04.2016   16:02 Uhr

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Der Typus des Rockstars ist eigentlich nicht vorgesehen in diesem Land. Deutsche Musiker, flirten auf französisch buch auch die ganz jungen, sind idealerweise vernünftig, bescheiden, strebsam und geleitet von einer professionellen Grundhaltung. Kurzum: Sie sind ein bisschen so wie, über den man ja auch nichts Schlechtes sagen kann. Das passt gut und soll so sein in einem Land, in dem es grundsätzlich immer und überall als eine Tugend gilt, auf dem Boden geblieben zu sein.

allerdings hatte nie Interesse am partybekanntschaft meldet sich nicht Boden. Alles, nur das nicht. Er hatte ihn bereits verlassen, als er mit jemanden näher kennenlernen wollen 15 aus seiner westfälischen Heimat nach Triopolis aufbrach, um dort mit einer Jazzband auf einer amerikanischen Luftwaffenbasis zu spielen, tatsächlich aber die meiste Zeit mit Saufen zubrachte. Ungefähr seit dieser Zeit trug er seine Exzesse stolz vor sich her, schrieb Lieder darüber, zelebrierte sie öffentlich. Es fährt auch kein anderer deutscher Rockmusiker derart offensiv Porsche wie Udo flirttipps für frau per sms Lindenberg, und natürlich wohnt kein anderer dauerhaft im Hotel.

Insofern ist Lindenberg, ebenso natürlich, der einzige deutsche Rockstar. Und er wird es auch weiterhin sein, wenn jetzt sein neues Album "Stärker als die Zeit" erscheint. Was auch daran liegt, dass Lindenberg deutschsprachige Rockmusik überhaupt erst erfunden hat, zusammen vielleicht noch mit : Dem Durchhalteschlager und der Nachkriegstristesse entriss er eine künstlerische Sprache, die mit den jüdischen Künstlern in der Asche des Holocaust untergegangen war, darum ging es ihm.

Aus dieser immer auch etwas bescheuerten Sprache, der Sprache des Udo Lindenberg, sowie aus England und Amerika importierter Baukastenrockmusik und einigen liebenswert versponnenen Manierismen destillierte der Jazzschlagzeuger Udo Gerhard Lindenberg vor ungefähr 45 Jahren eine Kunstfigur, mit der er über die Jahre in völliger Harmonie verschmolz.

20 Jahre Suff und weg

Irgendwann leider: zu sehr. Durch den Filter seiner vielen Sehnsuchtsorte und Fantasiegestalten hatte Lindenberg erfolgreich die Brandt- und Schmidt-Republik erklärt. Die des HB-Männchens, der Kaffeekränzchen, der Ölkrise, des Deutschen Herbstes und. Udo Lindenberg verhandelte bundesrepublikanische Wirklichkeiten wie heute höchstens noch der "Tatort". Für sein junges Publikum war er eher kumpelhafter großer Bruder als väterlicher Freund. Er übernahm den aufregenderen Teil der Erziehung, weshalb er von ihnen bis heute messianisch verehrt wird.

Udo Lindenberg - "Durch die schweren Zeiten"

Doch spätestens mit dem Ende der Bonner Republik gingen auch Lindenberg die Konzepte aus. Es folgten "20 Jahre Suff und weg", wie er die dunklen Jahre, die er mehr oder weniger dauerbenebelt als Karikatur seiner selbst verbrachte, jetzt in einem der neuen Songs besingt: "Einer muss den Job ja machen".

Was dann passierte, ist oft beschrieben worden und trotzdem noch unglaublich: Lindenberg kriegte die Kurve. Er wurde nüchtern, begann sogar, Sport zu treiben. Wie aus dem Nichts gelang dem längst Verlachten 2008 mit "Stark wie zwei" nicht nur ein strahlendes Comeback, das Album und die folgende Unplugged-Gala alter Hits, "Live aus dem Hotel Atlantic", verkauften sich besser als jede Lindenberg-Platte zuvor. Danach spielte Udo zum ersten Mal in seiner Karriere in Stadien, und plötzlich wollte ihn jeder schon immer gut gefunden haben.

Jetzt stand mehr auf dem Spiel

Nie zuvor hat Udo Lindenberg so akribisch und lange an einem neuen Album gearbeitet wie jetzt an "Stärker als die Zeit". In den Siebzigern erschienen oft zwei Platten pro Jahr, Lindenberg war Produzent, ausführender Sänger, Texter, Komponist und Arrangeur in Personalunion. Der penible "Dr. Nervenberg", als den er sich einmal beschrieb, trieb die Musiker unermüdlich an, schlief kaum, arbeitete unablässig und war ständig entweder im Studio oder auf Tournee.

Später drosselte er sein Tempo, aber auch in den schwarzen Zeiten, in denen er angeblich zwei Flaschen Whisky am Tag trank, gab es noch alle zwei, drei Jahre ein neues Album. Manche waren gar nicht so schlecht, wie es die kanonisierte Lindenberg-Geschichtsschreibung aus dramaturgisch nachvollziehbaren Gründen heute behauptet. "Und ewig rauscht die Linde" zum Beispiel, ein Album, das Udo 1996 mit der damals populären Hamburger Band Selig und deren Produzent Franz Plasa aufnahm, hat große Momente.

 Der extrem schmale Grat, auf dem das Lindenbergsein funktioniert

Tine Acke/ Warner Music

Der extrem schmale Grat, auf dem das Lindenbergsein funktioniert

Jetzt aber stand mehr auf dem Spiel, viel mehr. Lindenberg umgab sich erneut mit dem Erfolgsteam von "Stark wie zwei", den Produzenten Andreas Herbig, Henrik Menzel und Peter Seifert. Aufgenommen wurde in London, Los Angeles, New York und Berlin. Haufenweise Musiker gaben sich die Klinke in die Hand, jeder wurde um Rat gefragt, alles zigmal besprochen, verworfen, neu gemacht. Udo wollte es allen zeigen, sämtliche Fähigkeiten bündeln. Das klingt nach Anstrengung und totaler Konzentration, aber das Ergebnis ist tatsächlich von einer Souveränität getragen, wie es sie lange nicht mehr gab im lindenbergschen Werk.

"Stärker als die Zeit" ist immer dann am besten, wenn Udo die Brille runternimmt und ein bisschen den Gerhard zulässt. Es ist ein extrem schmaler Grat, auf dem das Lindenbergsein überhaupt funktioniert, und er selbst hat ihn oft genug überschritten. Nun ist der große Kindskopf und romantische Spinner spürbar bei sich - und damit auch bei uns. Songs wie "Der einsamste Moment", "Blaues Auge", "Eldorado", "Kosmosliebe" oder "Stärker als die Zeit" behandeln letzte Dinge. Es geht um Abschied, innere Einkehr, die große Frage, was bleibt. Udo Lindenberg wird am 17. Mai 70 Jahre alt, und es liegt eventuell auch an diesem runden, lange unerreichbar geglaubten Geburtstag, dass er auf diesem Album immer wieder traurig, politisch resigniert und nachdenklich klingt.

Erfüllung eines alten Traums

Der Verzicht auf die typisch utopistische Udo-Wendung steht ihm allerdings gut. Früher war das so: Bei Lindenberg gab es immer Hoffnung und meistens ein Happy End. Das muss nichts Schlechtes sein. Aber einige seiner Songs wären noch intensiver und stärker gewesen ohne Licht am Ende des Tunnels. Denn es ist ja in der sogenannten Realität meistens nicht so, dass Typen wie der Verlierer Freddie aus dem Song "Satellit City Fighter" am Ende irgendwo anders landen als im Knast oder auf dem Friedhof. Aber Udo glaubte eben an das Gute und animierte die Leute, immer weiterzumachen.

Für ihn selbst ging diese Rechnung schließlich auf, und so hat er ein Lied einfach noch mal aufgenommen: "Mein Body und ich" fand sich 2003 bereits auf der eventuell überflüssigsten Udo-Platte überhaupt, "Der Panikpräsident". Damals klang seine Stimme, zu blechernem Klavierspiel, nach Autopilot. Heute wird der Song zu einem rührenden Dankeschön eines Überlebenden an den eigenen Körper. Das liegt auch an der herausragenden Produktion von "Stärker als die Zeit": Sehr analog, mit sehr viel Wärme und Tiefe, werden die Songs als im besten Sinne zeitlos inszeniert. Passend zu Lindenbergs Stimme, die fast so warm und mitreißend wirkt, wie ganz am Anfang seiner Karriere.

Ein ewiges Bekenntnis zu Fans und Freunden

Tine Acke/ Warner Music

Ein ewiges Bekenntnis zu Fans und Freunden

Zum Schluss des Albums folgt dann auch noch die tongewordene Erfüllung eines alten Lindenberg-Traums. Sein Freundschaftsbegriff, sein Familienkonzept, all das ist der Klischeewelt von Francis Ford Coppolas Mafia-Epos "Der Pate" entlehnt, Udos erklärtem Lieblingsfilm. Nun erteilten ihm die Erben des Komponisten Nino Rota tatsächlich die Freigabe für die Nutzung der legendären Titelmelodie, was sie zuvor noch nie getan hatten.

Lindenberg textet darüber gemeinsam mit Beatrice Reszat ein ewiges Bekenntnis zu seinen Fans und Freunden, aufgenommen mit einem 60-köpfigen Orchester in den Londoner Abbey-Road-Studios. Fast schon ein vorweggenommenes musikalisches Vermächtnis. Wobei er sich eigentlich gar nicht mehr selbst ehren müsste: Das Land hat inzwischen verstanden, dass es einen wie Udo Lindenberg kein zweites Mal geben wird - und man ihn besser feiert, solange er noch da ist.

Dienstag, 26.04.2016   16:02 Uhr


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Udo Lindenberg - "Durch die schweren Zeiten"

Doch spätestens mit dem Ende der Bonner Republik gingen auch Lindenberg die Konzepte aus. Es folgten "20 Jahre Suff und weg", wie er die dunklen Jahre, die er mehr oder weniger dauerbenebelt als Karikatur seiner selbst verbrachte, jetzt in einem der neuen Songs besingt: "Einer muss den Job ja machen".

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Nie zuvor hat Udo Lindenberg so akribisch und lange an einem neuen Album gearbeitet wie jetzt an "Stärker als die Zeit". In den Siebzigern erschienen oft zwei Platten pro Jahr, Lindenberg war Produzent, ausführender Sänger, Texter, Komponist und Arrangeur in Personalunion. Der penible "Dr. Nervenberg", als den er sich einmal beschrieb, trieb die Musiker unermüdlich an, schlief kaum, arbeitete unablässig und war ständig entweder im Studio oder auf Tournee.

Später drosselte er sein Tempo, aber auch in den schwarzen Zeiten, in denen er angeblich zwei Flaschen Whisky am Tag trank, gab es noch alle zwei, drei Jahre ein neues Album. Manche waren gar nicht so schlecht, wie es die kanonisierte Lindenberg-Geschichtsschreibung aus dramaturgisch nachvollziehbaren Gründen heute behauptet. "Und ewig rauscht die Linde" zum Beispiel, ein Album, das Udo 1996 mit der damals populären Hamburger Band Selig und deren Produzent Franz Plasa aufnahm, hat große Momente.

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Der Verzicht auf die typisch utopistische Udo-Wendung steht ihm allerdings gut. Früher war das so: Bei Lindenberg gab es immer Hoffnung und meistens ein Happy End. Das muss nichts Schlechtes sein. Aber einige seiner Songs wären noch intensiver und stärker gewesen ohne Licht am Ende des Tunnels. Denn es ist ja in der sogenannten Realität meistens nicht so, dass Typen wie der Verlierer Freddie aus dem Song "Satellit City Fighter" am Ende irgendwo anders landen als im Knast oder auf dem Friedhof. Aber Udo glaubte eben an das Gute und animierte die Leute, immer weiterzumachen.

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Zum Schluss des Albums folgt dann auch noch die tongewordene Erfüllung eines alten Lindenberg-Traums. Sein Freundschaftsbegriff, sein Familienkonzept, all das ist der Klischeewelt von Francis Ford Coppolas Mafia-Epos "Der Pate" entlehnt, Udos erklärtem Lieblingsfilm. Nun erteilten ihm die Erben des Komponisten Nino Rota tatsächlich die Freigabe für die Nutzung der legendären Titelmelodie, was sie zuvor noch nie getan hatten.

Lindenberg textet darüber gemeinsam mit Beatrice Reszat ein ewiges Bekenntnis zu seinen Fans und Freunden, aufgenommen mit einem 60-köpfigen Orchester in den Londoner Abbey-Road-Studios. Fast schon ein vorweggenommenes musikalisches Vermächtnis. Wobei er sich eigentlich gar nicht mehr selbst ehren müsste: Das Land hat inzwischen verstanden, dass es einen wie Udo Lindenberg kein zweites Mal geben wird - und man ihn besser feiert, solange er noch da ist.

Udo Lindenberg ist über den toten Punkt hinaus. Die Erfolge der vergangenen Jahre mit gigantischen Shows in riesigen Fußballstadien, dazu erstmals an der Charts-Spitze mit dem Album "Stark wie zwei" (2008) und später noch einmal mit dem Unplugged-Konzert "Live aus dem " - ist obenauf.

Also plant der gebürtige Gronauer unermüdlich weiter. Nach den umjubelten Open-Airs in Düsseldorf , , Hannover, Frankfurt und Berlin hat der Sänger, der übrigens im kommenden Jahr 70 Jahre alt wird, gleich neun neue Konzerte angekündigt - in den größten Arenen der Nation. Mit dabei ist wie immer das Panikorchester, zu dem unter anderem Bassist Steffi Stephan aus gehört. „Ein wunderschöner Erholungstrip“, hatte der augenzwinkernd nach den ersten Stadion-Shows im Video-Interview mit den WN kommentiert.

Denkmal für Udo Lindenberg

Noch überraschender aber ist eine Nachricht, die noch eher im Halbsatz versteckt ist. Erstmals seit dann acht Jahren will Lindenberg ein neues Studioalbum mit neuen Songs veröffentlichen. Nach dem überragenden Erfolg des 2008er-Albums "Stark wie zwei" hatte er sich lange gescheut, neues Material zu veröffentlichen. Zu hoch hing die Latte, die er in Sachen Qualität und quantität selbst aufgehängt hate. Jetzt aber scheint der rechte Zeitpunkt gekommen, um noch einmal nachzulegen.

Udo Lindenberg kommentiert das in seiner Ankündigung so: "Back to the Wild Seventees. Cheerz on , Led Zeppelin, Bad Company und Gründung des Panik-Orchesters ('73). Keine Hängematte, nee, einfach back, full speed, in die Wild 70er...“

Ahoi!

Alle Infos zu Konzertterminen und Vorverkauf: hier

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3 Comments

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